Vergessene Werke deutschsprachiger Autorinnen

Zwei Germanistinnen haben Biografien und teils unbekannte Werke von 200 Autorinnen der k. u. k. Monarchie gesammelt. Sie werden nun in einer Datenbank vorgestellt.

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Dora ist jung, hübsch und Romni. In der Erzählung „Die Zigeunerin. Eine Erzählung aus dem ungarischen Haidelande“ von 1885 stellt Autorin Marie Eugenie delle Grazie sie – entgegen gängiger Klischees – als nachdenklich und schüchtern dar. Obwohl die Schriftstellerin und Salonnière sehr produktiv war und in der Wiener Literatenszene einen Namen hatte, ist sie heute unbekannt. Das ist kein Einzelschicksal und hat viel mit der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts zu tun.

Die Germanistin Alexandra Millner von der Uni Wien entdeckte gemeinsam mit Katalin Teller von der Eötvös Loránd University Budapest für die Zeit zwischen 1867 und 1918 mehr als 200 Autorinnen. Deren Biografien und Werke stellt sie nun in einer Online-Datenbank vor. Denn von wenigen Ausnahmen wie Bertha von Suttner oder Marie von Ebner-Eschenbach abgesehen scheinen die meisten trotz der teils hohen künstlerischen Qualität ihrer Arbeit – delle Grazies Dramen wurden etwa im k. u. k. Hofburgtheater aufgeführt – und ihrer Produktivität nicht im Literaturkanon auf.

Ein Hauptgrund dafür war der Zusammenbruch der Monarchie und seine Folgen: Unklarheit über die nationale Zuordnung der Autorinnen und die Frage der Zuständigkeit für deutschsprachige Literatur. Die Tatsache, dass sie Frauen sind, fällt ebenfalls ins Gewicht.

 

Verpönte Themen aufgegriffen

Besonders deutlich zeige sich das in einem Standardwerk der Literaturgeschichte, der „Deutsch-österreichischen Literaturgeschichte, 1898–1937“, so Millner. Zwar findet sich darin etwa die Lyrikerin Ada Christen, doch in ihrer und vielen anderen Biografien wird die künstlerische Leistung in den Hintergrund gedrängt. „Christen wagte sich weit vor. Ihre Gedichtbände befassten sich auch mit der Gemütslage von Frauen oder Körperlichkeit. Alles Themen, über die es verpönt war, sich als Frau zu äußern“, erklärt Millner. Christens Biografie sei süffisant geschrieben, zudem sei ihr ein liederlicher Lebensstil unterstellt worden.

Die Forscherin stellte in der Datenbank bei allen Biografien die künstlerische Leistung in den Mittelpunkt. Diese ist ein Ergebnis ihres Habilitationsprojekts „Transdifferenz in der Literatur deutschsprachiger Migrantinnen in Österreich-Ungarn“, das der Wissenschaftsfonds FWF im Elise-Richter-Programm förderte. Neben Namen, Lebensdaten, selbstständigen und unselbstständigen Publikationen und Links zu digitalisierten Werken finden sich auch Angaben zur Migrationsbewegung.

Denn alle 200 Autorinnen sind freiwillig oder unfreiwillig migriert. Die in Prag geborene Friedensaktivistin Bertha von Suttner verschlug es bis in das heutige Georgien. „Viele Texte, die bald nach der Migration entstanden, hatten mit dem Herkunftsland der Autorin zu tun. Häufig wurden bekannte, aber vorurteilsbehaftete Stoffe neu interpretiert“, sagt Millner. Viele Autorinnen schrieben nicht nur gegen Vorurteile gegenüber ethnisch-kulturellen Minderheiten, sondern stellten die soziale Ordnung in Frage. Wegen der Einschränkungen durch Konvention und Zensur geschah dies allerdings versteckt.

Um das Subversionspotenzial dieser Texte aufzuzeigen, bedient sich Millner der Transdifferenz: Diese besagt, dass sich ein Individuum entgegen der Eigenschaften, die ihm etwa wegen seiner Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht zugeschrieben werden, positionieren kann. „Dazu bestimme ich bei jeder literarischen Figur die sozialen Kategorien, suche im Text nach transdifferenten Momenten und analysiere deren Bedeutung“, fasst die Germanistin zusammen.

Dass diese in den Texten so zahlreich sind, ist auf den Perspektivenwechsel zurückzuführen, der wohl von der Migrationserfahrung der Autorinnen herrührt und eine Grundlage für deren kritische Betrachtungen bildet.

Mehr: www.univie.ac.at/transdifferenz

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.11.2017)

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