Gab es El Dorado doch?

Die großflächige Rodung Amazoniens bringt immer mehr Spuren früher Kulturen ans Licht. Unter ihnen sind rätselhafte Strukturen im Boden: Geoglyphen.

(c) AP (Alberto Cesar)

Seit die Europäer Amerika entdeckten, zogen Glücksritter den Amazonas hinauf, als Erster der Konquistador Francisco de Orellana 1542. Er sah tausende Bewaffnete mit langen Haaren an den Ufern, hielt sie für Frauen und taufte den Fluss nach ihnen. Aber schon Zeitgenossen glaubten ihm nicht, und andere Spanier fanden in den endlosen Wäldern weder Menschen noch Tiere, von denen sie sich ernähren hätten können. Das bestätigte später die Forschung: Amazonien sieht nur so üppig aus, es ist eine „grüne Wüste“, die Böden sind karg, die Nährstoffe dauernd im Umlauf, verrottendes Laub nährt sprießendes.

Aber Gerüchte blieben: Irgendwo am Fluss sei sagenhafter Reichtum, El Dorado oder auch die „City of Z“. So nannte sie der britische Abenteurer Percy Harrison Fawcett, er erkundete zu Beginn des 20.Jahrhunderts vor allem die höheren Regionen am Amazonas im Grenzgebiet von Brasilien und Bolivien. 1925 brach er zur endgültigen Suche auf und kehrte nie zurück. Dann war lange Zeit Ruhe. Gegen Ende des 20.Jahrhunderts kamen die Nächsten, sie suchten kein Gold, sie suchten Land, um daraus Gold wachsen zu lassen: Nutzpflanzen und Rinder.

 

Menschgemachte Oasen

So wurde und wird großflächig abgeholzt. Je mehr Flächen frei werden – für den Profit und nebenher für den Blick von oben –, desto mehr Spuren früherer Zivilisationen zeigen sich. Zunächst fand man sie in tiefer gelegenen Regionen nahe am Fluss. Er hat reiche Fischressourcen, die Böden sind von Natur etwas fruchtbarer – und wurden von Kultur viel fruchtbarer gemacht: Man veredelte die Erde mit Holzkohle zu „terra preta de Indio“. Sie trug so viel, dass die größte (gefundene) dieser Oasen – an der Mündung des Tapajos in den Amazonas – geschätzte 200.000 Menschen ernähren konnte (Science, 297, S.920).

Die höheren Regionen galten hingegen als extrem lebensfeindlich. Und doch entdeckte Alceu Ranzi 1977 im Bundesstaat Acre nahe der bolivianischen Grenze „Geoglyphen“: Strukturen in der Erde, 100 bis 300 Meter große Kreise und Rechtecke aus Wällen und Gräben, die durch Straßen miteinander verbunden waren. Damals war Ranzi Student und saß im Flugzeug, heute lehrt er Paläontologie an der Universidade Federal de Acre und sitzt vor „GoogleEarth“. Das hat ihm auf 250 Quadratkilometern mehr als 200 Geoglyphen vor Augen gebracht, nach seinen Schätzungen arbeiteten 60.000 Menschen an deren Bau (Antiquity 83, S.1084).

Wozu die Geoglyphen dienten, ist unbekannt, vielleicht der Verteidigung oder zeremoniellen Zwecken. Auch ihr Alter ist wenig klar, nur eine Struktur ist datiert, sie stammt etwa aus dem Jahr 1273. Unbekannt ist schließlich, wann und wie die Bewohner verschwanden, möglicherweise sorgten Seuchen dafür, die mit den Spaniern kamen.

Klar ist aber, dass das Land damals nicht Natur war – der Wald trügt, er wucherte später –, sondern Kulturland. So wie heute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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