Migration: Die Balkanroute vor 8000 Jahren

Von Westanatolien über die Ägäis: Mit einer Wanderungsbewegung, die etwa 6000 v. Chr. begann, kamen Menschen, die dauerhafte Siedlungen errichteten, als erste Bauern und Viehzüchter nach Mitteleuropa.

(c) APA/AFP/LOUISA GOULIAMAKI

Dem prähistorischen Zug der Ackerbauern auf der Spur: Die Route der Landbau betreibenden Menschen führte von Westanatolien über die Ägäis nach Mitteleuropa – also jene Route, die in diesen Jahren auch von Migranten benutzt wird. Mit dem Ackerbau war die Sesshaftigkeit der ursprünglichen (ausschließlichen) Jäger und Sammler verbunden. „Wir wollen wissen, welche Technologien die Menschen vor 8000 Jahren nach Europa mitgebracht haben könnten, ob es damals dauerhafte Siedlungen gab und ob es sich um bäuerliche Kulturen mit Haustieren gehandelt hat“, sagt die Archäologin Barbara Horejs von der Akademie der Wissenschaften.

Im kommenden Jahr beginnen Grabungen in Südserbien. Dabei hat Horejs selbst den Zug der Menschen des Neolithikums (Jungsteinzeit) nachvollzogen. Vor zehn Jahren hat sie – ausgestattet mit einem Start-Preis des Wissenschaftsfonds FWF und einem ERC Starting Grant der EU – Untersuchungen in Westanatolien geleitet. „Es ging um die prähistorische Geschichte von Ephesos.“ In der Nähe von Ephesos stieß sie auf dem ?ukuriçi Höyük (Hügel der Senke) auf eine Siedlung, angelegt circa 6700 Jahre v. Ch. und damit eine der ältesten des Neolithikums, die bis heute freigelegt wurden. Dort wurden in den ältesten Phasen Getreidereste und Schweineknochen geborgen.

 

Kooperation mit Serbien

In dieser Siedlung war bereits Ackerbau und Viehzucht bekannt. Barbara Horejs: „Und jetzt interessierte mich der Weg der frühen Ackerbauern nach Europa.“ Die Archäologin, die 2013 als Direktorin an das neu gegründete ÖAW-Institut für Orientalische und Europäische Archäologie berufen wurde, hat 2016 das Forschungsprojekt „Neolithic landscapes of the Pusta Reka region“ ins Leben gerufen, das gemeinsam mit dem Archäologischen Institut in Belgrad und dem Nationalmuseum in Leskovac durchgeführt wird. Es geht dabei um die frühen Spuren des Neolithikums in Europa, „und die Kooperationspartner waren begeistert“.

In diesem Jahr sind die Wissenschaftler schon einen bedeutenden Schritt vorangekommen. Es schien klar, dass die Wanderungsbewegung über die Bucht von Thessaloniki nach Norden erfolgte. Für die Untersuchungen hat man das an der angenommenen Route gelegene Morawatal südlich von Nis gewählt. Über bestimmte geoarchäologisch ausgewählte Bereiche wurden ein archäologischer Raster gelegt und erste Bohrungen durchgeführt. Zusätzlich durchforsteten die Forscher gemeinsam mit Studenten frisch gepflügte Felder.

Der Erfolg stellte sich auch tatsächlich ein. Es wurden Tausende Jahre alte Steingeräte und Keramikscherben gefunden. Nach der Radionkarbondatierung sind die Fundstücke etwa 8000 Jahre alt. Im kommenden Jahr sollen an diesem Fundort – also an der Stelle einer vermuteten Siedlung – die Ausgrabungen beginnen.

 

Wann gab es Weizen in Europa

Von Westanatolien bis nach Südserbien dürfte die erste Wanderung der Ackerbauern 700 bis 800 Jahre gedauert haben. Die Grabungen sollen in den nächsten Monaten, so Barbara Horejs, klären, ab wann in der Mitte Europas Ackerbau verbunden mit Viehzucht betrieben wurde, ab wann dauerhafte Siedlungen angelegt wurden. In der Grabung bei Ephesos konnte der Anbau von Weizen und Einkorn (eine der älteste Getreidearten) sowie die Haltung von domestizierten Schafen, Ziegen, Rinder und Schweinen nachgewiesen werden.

Lexikon

Neolithikum. Die Jungsteinzeit wird in Kleinasien ab 9500 v. Chr. datiert, in Mitteleuropa ab 5500 v. Chr. Die Epoche ist geprägt von der dauerhaften Sesshaftigkeit, damit verbunden vom ersten Ackerbau und der ersten Viehhaltung. Zuvor hatten die Menschen als Jäger und Sammler höchstens saisonale Siedlungen angelegt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.12.2017)

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