Genetik: Verlorene Stämme Israels in Pakistan?

Forscher gehen dem alten Mythos nach. Die Erzählung von den "verlorenen Stämmen" basiert auf der Zweistaatlichkeit der Israeliten.

(c) AP (Shah Kaild)

Sind die Paschtunen, ein ostiranisches Volk, das vor allem in Pakistan und Afghanistan lebt, Nachkommen der „verlorenen Stämme“ des Volkes Israel? Die These klingt skurril – auch weil die ultrakonservative (und israelfeindliche) Taliban-Bewegung von den Paschtunen ausging. Doch sie grassiert seit dem zehnten Jahrhundert n.Chr., bis heute behaupten einige Stämme der Paschtunen selbst, dass sie auf die Israeliten zurückgingen.

Nun soll, wie u.a. die Jerusalem Post berichtet, die indische Forscherin Shahnaz Ali mit einem Stipendium des israelischen Außenministeriums diese These am Technion in Haifa mit DNA-Vergleichen, vor allem des Y-Chromosoms, prüfen. Sie hat Blutproben von in Nordindien lebenden Mitgliedern des Paschtunenstammes Afridi gesammelt.

Die Erzählung von den „verlorenen Stämmen“ basiert auf der Zweistaatlichkeit der Israeliten: Das Nordreich Israel wurde 722 v.Chr. von den Assyrern erobert, das Südreich Juda erst 587 v.Chr. von den Babyloniern. Nach biblischer Überlieferung bestand das Südreich aus den Stämmen Juda und Benjamin, das Nordreich aus den restlichen zehn Stämmen. Bei beiden Eroberungen wurde zumindest die Oberschicht deportiert, doch die nach Babylonien umgesiedelten Israeliten kehrten 539 v.Chr. auf Erlaubnis des persischen Königs Kyros II. heim.

Eine entsprechende Rückkehr der Stämme des Nordreichs aus dem assyrischen Exil ist nicht verbucht. So entstanden etliche Ursprungserzählungen. Die Falascha, Äthiopier jüdischen Glaubens, betrachten sich etwa als Nachkommen des Stammes Dan. (Sie sind nicht identisch mit den Rastafari, deren Glauben auch alttestamentarische Bezüge aufweist – siehe die „Rivers of Babylon“ im Reggae und den Gottesnamen Jah.) Der letzte König Afghanistans, Zahir Shah, sah sich als Nachfahre des Stammes Benjamin. Die in Indien heimische jüdische Gemeinde Bnei Menashe leitet ihren Namen – und ihre Herkunft – vom Stamm Menasse ab.

Entsprechend glauben die Afridi, dass ihr Name von Ephraim kommt; dass der Stammesname Yousufsai „Sohn des Josefs“ heißt, ist klar. Doch das legt auch eine andere Erklärung nahe: Israelische Namen könnten über den Islam gekommen sein, schließlich wurden viele alttestamentarische Geschichten in den Koran aufgenommen. Zu erklären wären dann noch jüdisch anmutende Gebräuche: So zünden manche Paschtunen am Samstag Kerzen an, heiraten unter einem Baldachin. Kulturelle und religiöse Einflüsse müssen freilich nicht mit genetischer Verwandtschaft einhergehen. Dennoch hofft Shahnaz Ali, dass „eine wissenschaftliche Analyse uns Antworten über die israelischen Wurzeln der Afridi bringen wird“, dies könne, meint sie, sogar eine Annäherung von Juden und Moslems fördern.

DIE ZWÖLF STÄMME

Laut Thora besteht das Volk Israel aus zwölf Stämmen, die von den – nicht historisch belegten – Söhnen des Jakob abgeleitet werden: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Dan, Naftali, Gad, Ascher, Issaschar, Sebulon, Josef, Benjamin. Dem Levi entspricht kein Stamm (dafür das Priestergeschlecht), statt Josef wurden seine Söhne Ephraim und Menasse zu Stammvätern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2010)

Kommentar zu Artikel:

Genetik: Verlorene Stämme Israels in Pakistan?

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen