Sprache fiel nicht vom Himmel

Wenn wir das Sprechen lernen, nutzen wir Fähigkeiten des Gehirns, die nicht für das Sprechen, sondern früher entwickelt wurden.

Wenn wir das Sprechen lernen, nutzen wir Fähigkeiten des Gehirns, die nicht für das Sprechen, sondern früher entwickelt wurden.
Wenn wir das Sprechen lernen, nutzen wir Fähigkeiten des Gehirns, die nicht für das Sprechen, sondern früher entwickelt wurden.
Wenn wir das Sprechen lernen, nutzen wir Fähigkeiten des Gehirns, die nicht für das Sprechen, sondern früher entwickelt wurden. – (c) Reuters

„Vor etwa 100.000 Jahren“ habe sich die Frage nach der Entstehung von Sprache noch nicht gestellt, „weil es keine Sprache gab“. Die sei erst später gekommen, mit einem einzigen Menschen, der sein Gehirn umorganisiert habe: „Nennt ihn Prometheus!“ So formulierte der Linguist Noam Chomsky noch 2010, was er seit Mitte der Fünfzigerjahre verfochten hatte: Nur wir hätten Sprache, und zwar hätten wir sie alle gleich, als angeborene „universelle Grammatik“.

Das hatte sich im Lauf der Jahrzehnte zum Dogma verfestigt, aber selbst Chomsky musste es später aufweichen, nicht nur deshalb, weil schwer nachvollziehbar ist, wie und wozu ein einzelner Mensch – Prometheus – diese Art der Kommunikation erfinden hätte sollen. Es hatten sich einfach zu viele Belege dafür angehäuft, dass auch Sprache nicht aus dem Nichts kam, sondern eingebettet ist in Evolution. Das gilt für die Hardware – den anatomischen Sprechapparat, schon Makaken haben ihn so wie wir – wie die Software: Von den Genen, die beim Sprechen mitreden, hat man man bisher nur eines identifiziert, Foxp2, es ist bei uns im Gehirn bei der Grammatik und im Mund bei der Feinsteuerung des Artikulierens dabei.

Aber auch Foxp2 ist keine Erfindung des Menschen, Vögel singen damit, Mäuse fiepsen damit – beide haben in Winzigkeiten andere Gen-Varianten –, und Neandertaler hatten exakt die gleiche Variante wie wir. Aber Sprache muss nicht nur da sein, man muss sich in sie einlernen, als Kind. Auch das Werkzeug dazu lag in der Evolution bereit, Belege werden seit Langem zusammen getragen, Michael Ullman (Georgetown University) hat 16 einschlägige Studien in einer Metaanalyse ausgewertet: Demnach hängt der Erwerb des Wortschatzes bei Kindern an der „deklarativen Erinnerung“, die hilft aber nicht nur und erst bei Wörtern, sondern etwa auch dabei, dass wir noch wissen, was wir gestern zu Abend gegessen haben.

 

Vorhandenes für neue Zwecke genutzt

Doch Wörter allein machen keine Sprache, sie müssen zu sinnvollen Sätzen kombiniert werden, mit Grammatik. Dazu braucht es eine andere Erinnerung: die „prozedurale“. Mit der lernen wir sonst etwa, wie man ein Musikinstrument spielt oder ein Auto fährt. Und mit der lernen auch schon Ratten, wie sie durch ein Labyrinth kommen. Beide Erinnerungen entstanden also nicht für das Sprechen, sie wurden dafür rekrutiert (Pnas 29. 1.): „Diese beiden Hirnsysteme, das der deklarativen und das der prozeduralen Erinnerung, gibt es in Tieren und Menschen, sie sind evolutionär alt“, schließt Ullman: „Sie kamen lange Zeit vor den Menschen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2018)

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