Migräne, Preis für das Leben im kalten Norden?

Eine Forschergruppe vermutet ein zentrales Gen hinter dem Leiden. Aber diese Spekulation geht fehl.

Frauen leiden dreimal so häufig an Migräne.
Frauen leiden dreimal so häufig an Migräne.
Frauen leiden dreimal so häufig an Migräne. – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Wenn es im halben Gehirn bis zur Unerträglichkeit pocht, wenn Licht und Geräusche das noch verstärken, wenn in härteren Fällen Erbrechen und Übelkeit dazukommen und sich in ganz harten selbst geringste körperliche Aktivitäten verbieten – dann hat die Medizin zwar einen Namen dafür: „Migräne“, er kommt vom griechischen „hemikrania“, „hemi“ heißt halb und „kranion“ Gehirnschale. Aber Abhilfe hat sie kaum, es liegt auch im Dunkeln, wo das Hirnleiden herkommt, von dem in unseren Breiten 15 bis 20 Prozent betroffen sind.

Allerdings trifft es nicht alle gleich, Frauen leiden dreimal so häufig daran, offenbar spielen Hormone mit, Gene tun es auch. Darauf deuten Zwillingsstudien und die Tatsache, dass Migräne sich oft in Familien häuft. Aber welche Gene? Gibt es eines oder wenige mit Schlüsselrollen? In der letzten großen Runde hat Padgraig Gormley (Harvard) 2016 im Vergleich von Zehntausenden Migräneopfern und Kontrollpersonen 44 Gene identifiziert, die mitspielen (13 andere hatte man zuvor schon im Verdacht). Unter ihnen waren viele, die mit Blutgefäßen zu tun haben, das unterstützte eine alte Hypothese, die die Störung der Blutversorgung des Gehirns als Ursache sieht (Nature Genetics 48, S. 856).

 

„Migränen sind genetisch heterogen“

Oder steckt ganz anderes dahinter? Felix Key (MPI, Evolutionäre Anthropologie Leipzig) ist der Geschichte eines Gens nachgegangen, dessen Protein für die Wahrnehmung von und die Reaktion auf Kälte zuständig ist, TRPM8. Es ist im warmen Süden ebenso verbreitet wie im kalten Norden, aber ihm vorgeschaltet ist ein anderes Gen, rs10166942. Dieses gibt es in einer Variante, die in Niger fünf Prozent haben, in Finnland 77. Offenbar wurde die Variante in Afrika entwickelt, setzte sich aber erst in der Kälte durch, zur Anpassung. Aber der Variante fehlt etwas: Im Original schützt das Gen vor Migräne – und sie ist dort häufig, wo die Variante herrscht (PLoS Genetics 3. 5.).

Das klingt spannend, aber: An 1589 betroffenen Familien – ausgerechnet finnischen – ist Gormley nun der Frage nachgegangen, ob Migräne an wenigen zentralen Genen mit stark ausgeprägten Varianten oder am Zusammenspiel von Hunderten Genen mit schwach ausgeprägten (Neuron 3. 5.) hängt. Letzteres ist der Fall, Schlüsselgene finden sich nicht, die Forscher formulieren es so: „Unsere Studie stützt die Hypothese, dass Migränen, gleich welchen Typs, genetisch heterogene Krankheiten sind.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.05.2018)

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