Wo wohnt die Erinnerung?

Das Gedächtnis lebt von Verbindungen zwischen Nervenzellen, so steht es in den Büchern. An einer Meeresschnecke zeigt sich, dass in den Zellen erinnert wird.

Aplysia, das Labortier der Gedächtnisforscher: An den riesigen Nervenzellen der Meeresschnecke lässt sich unser Gedächtnis studieren.
Aplysia, das Labortier der Gedächtnisforscher: An den riesigen Nervenzellen der Meeresschnecke lässt sich unser Gedächtnis studieren.
Aplysia, das Labortier der Gedächtnisforscher: An den riesigen Nervenzellen der Meeresschnecke lässt sich unser Gedächtnis studieren. – (c) imago/Bluegreen Pictureseople)

In seiner Kurzgeschichte „Das unerbittliche Gedächtnis“ spielte Jorge Luis Borges durch, dass es nicht nur das Grauen des Erinnerungsverlusts gibt, das mit dem Alter droht. Sondern auch das gegenläufige, das des Nicht-vergessen-Könnens: Der Proponent erinnert sich an jedes Detail seines Lebens und des Weltgeschehens, irgendwann bricht er unter der lähmenden Last zusammen und setzt seiner Existenz ein Ende. Das tun in der Realität auch manche, die von einer einzigen Erinnerung verfolgt werden, einer fürchterlichen, etwa die an einen Unfall oder, häufiger, an ein Erlebnis im Krieg.

Die Medizin hat einen Namen dafür – posttraumatic stress disorder –, viel mehr hat sie nicht, es gibt nur ein Medikament – Propranolol –, das muss rasch nach dem traumatisierenden Erlebnis verabreicht werden. Es verhindert die Bildung bzw. Stärkung von Synapsen, Verbindungen zwischen Nervenzellen des Gehirns, die sorgen für Erinnerung auf Dauer, so steht es seit Jahrzehnten in den Büchern.

Aber vor vier Jahren bemerkte Neurobiologie David Glanzman (UC Los Angeles) etwas ganz anderes, am Labortier vieler Gedächtnisforscher, der Meeresschnecke Aplysia, die ist riesig – 20, 30, 40 Zentimeter lang –, und sie hat enorme Zellen im Zentralnervensystem, deshalb studiert man das an ihnen. Glanzman tat es mit Tieren, denen er am Körperende einen Elektroschock versetzte. Darauf reagierten sie mit einem Abwehrreflex, und der stellte sich später auch ein, wenn die Tiere nur leicht berührt wurden, nicht geschockt: Sie haben eine Erinnerungsspur aufgebaut, ein Engramm.

 

„Gedächtnisspur nicht in Synapsen“

Das ist ein Routineexperiment, Glanzman erweiterte es, er entnahm Aplysia-Zellen, die sich in Reaktion auf den Schmerz mit Synapsen verbunden hatten, platzierte sie in Petrischalen und gab Propranolol dazu. Das schaffte Synapsen weg. Aber nicht die Erinnerung, die war nach 48 Stunden noch da, wenn an den Schock erinnert wurde (eLife e03896): „Das impliziert für mich, dass die Gedächtnisspur nicht in den Synapsen gespeichert wurde“, interpretierte Glanzman.

Wo dann? Es konnte nur irgendwo in den Nervenzellen selbst geschehen sein. Aber wo und wie? Darauf bietet Glanzman nun eine Antwort, wieder gewonnen an Aplysia, die er einem Elektroschock aussetzte. Dann entnahm er ihnen RNA eines besonderen Typs und injizierte sie in Gehirne von Schnecken, die den Schock nicht erlebt hatten. Nun erinnerten sie sich an das, was sie nicht erlebt hatten: Auf die leichte Berührung folgte der Abwehrreflex (eNeuro 14. 5.). „RNA ist ausreichend für Langzeiterinnerung in Aplysia“, interpretiert Glanzman diesmal und vermutete epigenetische Effekte dahinter – das sind durch Umwelteinflüsse geänderte Genaktivitäten –, an denen man pharmakologisch ansetzen könnte, gegen das böse Vergessen und das böse Erinnern, sofern es nur in unseren Gehirnen auch so zugeht wie bei Aplysia.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2018)

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