Ein Problem der 1980er ist zurück

Wissenschaftler haben entdeckt, dass seit 2012 in Asien wieder heimlich ozonschädliche FCKW produziert werden. Nun steht die Glaubwürdigkeit internationaler Umweltabkommen auf dem Prüfstand.

Reuters

Wien. Der Kampf gegen das Ozonloch gilt als das bisher erfolgreichste Beispiel eines globalen Umweltübereinkommens. Nur zwei Jahre nachdem die Lücke in der Ozonschicht über der Antarktis im Jahr 1985 entdeckt worden war, einigte sich die Weltgemeinschaft im kanadischen Montreal bereits auf ein – mit Übergangsfristen versehenes – vollständiges Verbot der dafür verantwortlichen Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW). Doch nun haben Wissenschaftler herausgefunden, dass seit 2012 in Ostasien wieder heimlich FCKW produziert werden. Die UNO-Umweltbehörde Unep reagierte am Donnerstag bereits darauf. „Es ist eine kritische Frage, die Quellen dieser Emissionen zu identifizieren und alle notwendigen Maßnahmen zu ihrer Abstellung zu treffen“, heißt es in einem Statement. Doch was bedeuten die neuen Erkenntnisse für das Ozonloch? Und was für andere Umweltabkommen? „Die Presse“ gibt Antworten.

1. Was ist eigentlich das Ozonloch, und warum ist es entstanden?

FCKW wurden seit den 1930er-Jahren als Kühl- und Treibmittel verwendet. Sie sind nicht brennbar, geruchlos, meist ungiftig und sehr beständig – haben auf den ersten Blick also nur Vorteile. In den 1970er-Jahren wurde jedoch entdeckt, dass sie mit dem Ozon in der Stratosphäre reagieren. Die Folge: Die Ozonschicht wird dünner und lässt mehr UV-Licht hindurch, das beispielsweise die Gefahr von Hautkrebs erhöht. Das erste Ozonloch entstand 1985 über der Antarktis, später kam ein zweites über der Arktis hinzu. 1987 wurde daher das Protokoll von Montreal verabschiedet, laut dem FCKW sukzessive verboten wurden und die Industrieländer die Entwicklungsländer dabei mit knapp einer Milliarde Dollar unterstützten.

2. Welche Auswirkungen hatte das Montreal-Protokoll des Jahres 1987?

Aufgrund des Protokolls erreichte die FCKW-Konzentration in der Atmosphäre in den späten 1990er-Jahren ihren Höchststand, geht seither aber zurück. Laut Unep soll das Ozonloch über der Arktis bis zur Mitte dieses Jahrhunderts verschwunden sein, jenes über der Antarktis etwas später. Allerdings blieben die Kühlmittel ein Problem. So wurden FCKW meist durch Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) ersetzt. Diese greifen zwar die Ozonschicht nicht an, heizen aber – wie FCKW – den Klimawandel an. Der Faktor liegt dabei bis zu 12.000 über jenem von CO2. 2016 wurde in der sogenannten Kigali-Erweiterung zum Montreal-Protokoll daher vereinbart, dass die Welt langsam auch aus FKW aussteigt. Das Problem: Die Ersatzstoffe sind teurer und mitunter brennbar.

3. Was haben die Wissenschaftler nun konkret herausgefunden?

Bei einem spezifischen FCKW (Trichlorfluormethan) erfolgt der Abbau seit 2012 langsamer als prognostiziert (siehe Grafik). In ihrem in der Fachzeitschrift „Nature“ publizierten Artikel nennen die Forscher als einzig mögliche Erklärung, dass wieder neue FCKW in die Atmosphäre geblasen werden. Laut ihren Berechnungen handelt es sich um 13.000 Tonnen jährlich, die irgendwo in Ostasien emittiert werden.

4. Wie verändert sich das Ozonloch, wenn wieder FCKW produziert werden?

Wenn die jährliche FCKW-Produktion nicht deutlich ansteigt, sind die Auswirkungen auf das Ozonloch überschaubar. Laut dem amerikanisch-niederländischen Forscherteam würde sich der Zeitpunkt, zu dem das Ozonloch komplett geschlossen wird, um etwa zehn Jahre nach hinten verschieben. „Der Himmel fällt dadurch nicht herunter“, sagte dazu auch Stephen Montzka, einer der leitenden Autoren des Forschungsteams.

5. Ist die nun entdeckte Produktion von FCKW also gar kein so großes Problem?

Der Schaden durch einen heimlichen Bruch des Montreal-Protokolls ist eher indirekter Natur. Dadurch werden nämlich sämtliche internationalen Umweltabkommen infrage gestellt. Wer soll sich noch an ein Abkommen halten, das für die eigene Wirtschaft höhere Kosten verursacht, wenn er sich nicht sicher sein kann, dass es die anderen ebenfalls machen? Dieser Schaden wird vor allem dadurch vergrößert, dass es sich beim Montreal-Protokoll um das von Wissenschaft und Politik viel zitierte Vorbild für ein globales Abkommen zum Klimaschutz handelt. Schon bisher steht etwa US-Präsident Donald Trump der Kigali-Erweiterung zum generellen Verbot der FKW unklar gegenüber. Sollte er zu dem Schluss kommen, dass sie für die USA Nachteile bringt, könnte er – wie beim Abkommen von Paris – auch hier opponieren.

LEXIKON

Das Ozonloch war neben saurem Regen und der Atomkatastrophe von Tschernobyl eines der bestimmenden Umweltthemen der 1980er- und frühen 1990er-Jahre. Die verringerte Ozonschicht in der Stratosphäre erhöht vor allem das Hautkrebsrisiko. Laut UNO-Umweltbehörde Unep werden durch das Verbot von FCKW ab 2030 rund zwei Millionen Hautkrebsfälle jährlich verhindert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2018)

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