Wir hören auch mit unseren Augen

Wahrnehmung. Beim Lippenlesen entsteht ein visuelles Signal, das – egal, ob man tatsächlich etwas hört oder nicht – in eine akustische Botschaft umgewandelt wird. Das haben Psychologen der Universität Salzburg herausgefunden.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago/Westend61 (imago stock&people)

Hören ist eine komplexe Angelegenheit – nicht nur für das Ohr. Das Sehen könnte nämlich beim Hören eine größere Rolle spielen, als bisher angenommen wurde. Diesen Schluss legen die Ergebnisse einer Untersuchung nahe, die Wissenschaftler der Physiologischen Psychologie an der Universität Salzburg gemacht haben. Die Psychologin Anne Hauswald hat sich mit ihrem Team die Frage gestellt, was beim Lippenlesen im Gehirn passiert. Unterstützt das Gesehene die gehörte Information? Und wie arbeiten die unterschiedlichen Gehirnareale dabei zusammen?

„Die Lippenbewegungen sind ein Teil der Information, die Menschen beim Hören bekommen“, erläutert die Wissenschaftlerin: „Uns hat interessiert, ob diese Bewegungen mehr sind als nur die visuelle Begleitmusik der akustischen Information.“ Diese Grundlagenforschung könnte besonders für schwerhörige Menschen oder für Personen, die nach Ertaubung ein Cochlea-Implantat erhalten, von Bedeutung sein. Wenn Menschen schlecht hören oder taub sind, müssen sie sich stärker auf andere Informationen – wie die Lippenbewegungen – verlassen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie diese Informationen verarbeitet werden.

 

Lippenbewegungen für das Ohr

Die Salzburger Wissenschaftler führten die Untersuchung mit 24 Personen mit einem normalen Hörvermögen durch. Während den Testpersonen Videos mit Lippenbewegungen ohne Ton vorgespielt wurden, wurde mittels Magnetenzephalographie die Aktivität des Gehirns gemessen. Die Probanden sahen die Lippenbewegungen eines vorwärts gesprochenen Textes. Außerdem wurde ihnen ein Video mit einem rückwärts gesprochenen – und damit unverständlichen – Text vorgespielt.

Dabei zeigte sich, dass das Gehirn die visuellen Informationen in ein – gedachtes – akustisches Signal umwandelt. Diese Informationsbearbeitung erfolgt im visuellen Kortex, einem Gehirnareal, das nach gängiger Meinung rein auf visuelle Reize reagiert. „Die Umwandlung in ein akustisches Signal funktionierte aber nur beim vorwärts abgespielten und damit verständlichen Text“, erläutert Hauswald. Beim rückwärts gesprochenen Text konnte das Gehirn mit den erhaltenen Informationen nichts anfangen.

„Bei der Beobachtung natürlicher Lippenbewegungen fügt der visuelle Kortex die passende akustische Hülle hinzu, selbst wenn kein Ton gehört wird“, beschreibt die Psychologin das neu entdeckte Phänomen. In einem nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie diese Informationsverarbeitung bei Menschen erfolgt, die nicht oder nur schwer hören.

 

Hörprothesen verbessern

Interessant sind auch Probanden, die nach einem Cochlea-Implantat das Hören neu lernen müssen. Bei diesen Hörprothesen wird der Hörnerv direkt stimuliert und das geschädigte Innenohr umgangen. Doch trotz vieler technischer Fortschritte ist der Höreindruck bei einem Teil der Patienten nicht zufriedenstellend. Sie hören verzerrt.

Die Forscher vermuten, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen könnten, die Rehabilitation der Implantatpatienten zu erleichtern und damit das Gesamtergebnis zu verbessern. „Die visuellen Informationen könnten dabei eine Lernhilfe sein“, glaubt Hauswald, die kürzlich für die Fortführung ihrer Arbeit eine Förderung vom Wissenschaftsfonds FWF erhalten hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2018)

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