Irenäus Eibl-Eibesfeldt tot: Er erforschte Kröten, Krieg, Kultur

Der Wiener Biologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Gründer der Humanethologie und der Stadtökologie, ist kurz vor seinem 90. Geburtstag in Bayern gestorben. Ein Nachruf.

 Irenäus Eibl-Eibesfeldt
 Irenäus Eibl-Eibesfeldt
Irenäus Eibl-Eibesfeldt – imago/teutopress

"Wir sehnen uns alle nach dem Paradies. Aber was das Paradies eigentlich sei, darüber gehen die Meinungen der Menschen weit auseinander“, sagte Irenäus Eibl-Eibesfeldt einmal. So versöhnlich klang er nicht immer, der große, aus einem alten Regensburger Rittergeschlecht stammende Wiener Biologe. Er konnte recht streitbar sein, wenn es darum ging, die Evolutionstheorie gegen ihre Feinde zu verteidigen oder gegen den Behaviorismus, die Lehre, das der Mensch durch Kultur und Erziehung beliebig formbar sei. 1973, als dieser Glaube noch weit verbreitet war, nannte er ein Buch provokant „Der vorprogrammierte Mensch. Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten“.

Sohn eines Botanikers, verwandelte schon der kleine Irenäus sein Kinderzimmer in einen Zoo, hegte Goldfische, Mäuse, Spinnen. Später schwänzte „Renki“, wie ihn seine Freunde sein Leben lang nannten, die Schule, um in Tümpeln Molche zu sammeln. Mit 15 wurde er als Helfer zur Luftwaffe eingezogen. „Der Krieg“, sollte er später nüchtern schreiben, „ist weder auf entartete, fehlgeleitete, tierische Instinkte noch auf Nekrophilie oder andere pathologische Entartungen des menschlichen Antriebslebens zurückzuführen. Es handelt sich nicht um eine funktionslose Entgleisung, sondern um eine spezifisch menschliche Form der Zwischengruppen-Aggression, mit deren Hilfe Menschengruppen um Land und Naturgüter konkurrieren.“

Mit Hans Hass auf Galapagos

Nach dem Krieg studierte er Biologie an der Uni Wien, dissertierte über die Paarungsgewohnheiten der Erdkröte, arbeitete mit Otto Koenig an der Biologischen Station Wilhelminenberg und mit Konrad Lorenz an dessen Institut für Verhaltensforschung. 1953 brach er gemeinsam mit dem Meeresforscher Hans Hass – der ja ebenfalls studierter Biologe war – zur Expedition auf die Inseln auf, die bei Darwinisten vielleicht am ehesten als Paradiese durchgehen: die Galapagosinseln, die er selbst „Mekka“ oder „Arche Noah im Pazifik“ nannte. Fotografien von Irenäus Eibl-Eibesfeldt mit Hans Hass und/oder Riesenschildkröte zeigen einen Abenteurer mit strahlenden Augen und wehendem Haar: der Biologe als Naturbursch.
Durch seine Reisen in Kontakt mit anderen Kulturen gekommen, begann er, über das menschliche Verhalten zu forschen, wurde zum Gründer des Fachs Humanethologie. Ihn interessierte: Was an unserer Mimik, an unserer Gestik, an unserer Kultur ist universell? Gibt es eine universelle Grammatik menschlichen Sozialverhaltens? Er filmte Menschen in Populationen, die er nicht „primitiv“, lieber Naturvölker nannte, er suchte auf den Aufnahmen – die heute oft letzte Zeugnisse untergegangener Kulturen sind – nach Urformen des Ausdrucks.

Dass Eibl-Eibesfeldt selbst wenig Scheu vor Fremden – und schon gar keinen Hass gegen Fremde – hatte, ist offenkundig, doch manche rechneten es ihm übel an, dass er erklärte, dass Menschen von Natur aus zu ersterem neigen – und zu zweiterem imstande sind –, und in diesem Sinn vor unkontrollierter Migration warnte. Dass Rechtsextreme sich auf ihn beriefen, nannte er freilich „Beifall von der falschen Seite“ und erwähnte gern, dass sein Vorname vom griechischen Wort für Frieden kommt.

„Nicht nur eine blinde Bestie“

Es mache ihm „großes Vergnügen, menschliches Verhalten zu studieren und festzustellen, dass der Mensch nicht nur eine blinde Bestie ist“, sagte er in einem APA-Interview zu seinem 85. Geburtstag.
Wenn man ihn einen Reduktionisten nannte, trug er's mit Fassung und freute sich daran, auch z. B. über die biologischen Wurzeln der Kunst nachzudenken, die er als „Weltsprache“ sah: Er bestand darauf, dass diese der Schönheit diene. Und dem Glück: Ohne dass er das Wort oft verwendete, dieses stand auch im Mittelpunkt seiner Forschung über Stadtökologie. Er gründete 1991 ein Boltzmann-Institut für diese Disziplin, schon davor hatte er sich mit dem Architekten Harry Glück für dessen grünen Wohnpark Alt-Erlaa eingesetzt.

„Und grün des Lebens goldener Baum“ nannte Irenäus Eibl-Eibesfeldt, nach dem theorieskeptischen Spruch des Goetheschen Mephistopheles, ein autobiografisches Buch. Nun ist dieser große Erfahrungswissenschaftler des Lebens kurz vor seinem 90. Geburtstag (am 15. Juni) in seinem Alterswohnsitz im bayrischen Starnberg gestorben. Er hatte sich von einem Sturz nicht mehr erholt.

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