Zerrinnt die Antarktis?

Satelliten zeigen ein beschleunigtes Schmelzen. Regional gibt es allerdings auch einen Zuwachs, im größten Eisspeicher der Erde.

Vor allem vor den Küsten des Westens schmilzt das Eis. Das hebt indirekt die Meere, weil Gletscher ungebremster in sie gleiten.
Vor allem vor den Küsten des Westens schmilzt das Eis. Das hebt indirekt die Meere, weil Gletscher ungebremster in sie gleiten.
Vor allem vor den Küsten des Westens schmilzt das Eis. Das hebt indirekt die Meere, weil Gletscher ungebremster in sie gleiten. – REUTERS

Würde die Antarktis wieder so grün, wie sie bis vor 34 Millionen Jahren war – da trennte sich der Kontinent von Südamerika und vereiste –, würden weltweit die Meere um 58 Meter steigen, so viel Wasser ist im Eis gebunden. Von diesem worst case geht niemand aus, aber in der Antarktis liegen 70 Prozent des Süßwassers der Erde, und wie viel davon flüssig wird und die Meeresspiegel wie stark hebt, ist nicht einfach zu erheben, der Kontinent ist riesig, viele Küsten, vor allem im Osten, sind nicht einmal kartiert.

„Die Antarktis ist zu groß, um sie am Boden zu untersuchen, wir können den Trend der Eisdecke nur verstehen, wenn wir aus dem All schauen“, erklärt Andrew Shepard (Leeds), Leiter eines breiten internationalen Teams, das in einer Metaanalyse die Befunde von 24 Satellitenmessungen der letzten Jahre zusammengefasst hat, gemessen wurde das Volumen oder (über die Gravitation) die Masse. In Summe zeigt sich ein kontinuierlicher Eisverlust, der sich in den letzten Jahren beschleunigt hat: Von 1992 bis 2012 schmolzen Jahr für Jahr 76 Milliarden Tonnen Eis – sie erhöhten die Meere um 0,2 Millimeter im Jahr –, ab 2012 gingen jährlich 219 Milliarden Tonnen verloren, macht 0,6 Millimeter mehr Meer.

 

Gewichtige Ausnahme: Osten

Regional sind die großen Verluste im Westen gekommen und auf der antarktischen Halbinsel, dort ist zunächst viel Eis vor den Küsten geschmolzen. Das hat direkt keine Auswirkung auf den Meeresspiegel, weil dieses Eis ohnehin im Wasser war. Aber indirekt: Die Gletscher glitten ungebremster ins Meer. Im viel größeren Osten des Kontinents zeigt sich ein anderes Bild: Dort ist ist der größte Eisspeicher der Erde – mit genug Wasser für 53 Meter Meeresspiegelerhöhung –, und dort ist das Eis am Wachsen, um fünf Milliarden Tonnen im Jahr. Das kommt daher, dass wärmere Luft mehr Niederschlag bringt, der erst die Schnee- und dann die Eisdecke erhöht (Nature 13. 6.).

In der bisher letzten Abschätzung dieses Effekts kamen Forscher des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung gar zum Schluss, dass durch das zusätzliche Eis die Meeresspiegel sinken würden, rein rechnerisch in hundert Jahren um drei Zentimeter (Nature Climate Change 5, S. 348), offenbar war das zu optimistisch und trifft nur für den Osten zu.

Der bietet dafür noch eine Beruhigung: Eine Gruppe um Jeremy Shakun (Boston) hat, auch in Nature, seine Geschichte im Pliozän rekonstruiert, damals, vor 5,3 bis 2,6 Millionen Jahren, war etwa so viel CO2 in der Atmosphäre wie heute. Aber das Eis blieb, im Gestein unter ihm ist es archiviert: Wenn Gestein von kosmischer Strahlung getroffen wird, bilden sich besondere Isotopen von Aluminium und Beryllium. Die können sich nicht bilden, wenn das Gestein durch Eis abgeschirmt ist.

Und sie haben sich in der Ostantarktis auch nicht gebildet, Shakun hat Bohrkerne analysiert und schließt: „Die Evidenz des Pliozän zeigt, dass die heutigen CO2-Gehalte nicht ausreichen, um das Festlandeis der Antarktis zu destabilisieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2018)

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