Tiere nutzen unser Wissen

Wissenschaftliche Belege statt Vermenschlichung: So erklärt Friederike Range, wie Tiere denken.

„Wie denken Tiere?“ heißt nicht nur das Buch von Friederike Range, Verhaltensforscherin der Uni Wien, sondern es ist eine Frage, die sich jeder Mensch stellt, der Haustiere hat oder einfach beim Spaziergang den Streit zweier Vögel oder das mutige Herannahen eines Eichhörnchens beobachtet. Man kann auf diese Frage vermenschlichend antworten – dann gefallen einem wohl auch Filme wie „Der Marsch der Pinguine“, in denen jedem Tier eine menschliche Intention angedichtet wird. Die wissenschaftliche Herangehensweise ist eine andere: Anstatt Disney-Romantik zu kreieren, in der Tiere und menschliches Denken untrennbar sind, wird in dem im Verlag Carl Ueberreuter erschienenen Buch in Kleinarbeit dem Verständnis der „Gedankenwelt“ von Tieren nachgegangen. „Natürlich denken Tiere“, sagt Range. „Aber es ist nicht so, wie wir uns das vorstellen.“

Ein gutes Beispiel ist er „Clevere Hans“: In den 1920er-Jahren wurde das Pferd berühmt, weil es angeblich rechnen konnte. Auf die Frage „Wie viel ist drei plus vier?“ klopfte Hans siebenmal mit dem Huf auf den Boden. Erst später kam heraus, dass das Pferd nicht drei und vier zusammenzählen konnte (wozu auch?), sondern dass es so lange auf den Boden klopfte, bis der Besitzer vor Aufregung den Atem anhielt (da er die richtige Antwort kannte und gespannt war, ob das Pferd zu klopfen aufhört). „Die Tiere nutzen oft unser Wissen, um bestimmte Aufgaben zu lösen“, sagt Range. Das Pferd war sehr clever auf seine Art und Weise – aber die Art, Probleme zu lösen, entspricht eben nicht unserer Vorstellungswelt.


Problemlösung. In dem Buch wird diese Vorstellungswelt zurückgeschraubt, stattdessen werden wissenschaftliche Fragen in den Vordergrund gestellt: Wie kann man Intelligenz bei Tieren erforschen? Wie lösen Tiere ein Problem, wenn sie auf sich allein gestellt sind? Trifft ein Tier Entscheidungen nach dem Ausschlussprinzip oder aufgrund von Erfahrungen? Hilft Nachahmung beim Lösen von Problemen? Können sich Tiere in die Gedankenwelt anderer Individuen hineinversetzen?

Alles spannende Fragen, die jeweils mit konkreten Forschungsbeispielen erklärt werden. Range, die 2004 zur Verhaltensforschung nach Österreich (zuerst Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau, dann Wien) kam, untersucht solche Fragen im „Clever Dog Lab“ der Uni Wien, das sie gemeinsam mit Ludwig Huber und Zsófia Virányi 2007 gegründet hat, sowie im „Wolf Science Center“, das sie seit 2009 mit Virányi und Kurt Kotrschal leitet.

„Hunde kooperieren ständig mit uns, Wölfe kooperieren untereinander“, sagt die Verhaltensforscherin. „Wir wollen herausfinden, was Hunde und Wölfe unter Kooperation verstehen, nach welchen Kriterien sie Kooperationspartner aussuchen, wie schnell sie soziale Zusammenhänge lernen und vieles mehr.“

Der Vergleich wird zeigen, welche Eigenschaften der Hunde durch Domestizierung entstanden und welche schon bei Wölfen angelegt sind. Dass es Unterschiede gibt, zeigte sich im Mai, als die Wölfe aus dem Cumberland Wildpark in Grünau in den Wildpark Ernstbrunn übersiedelten. „Wir mussten das Gelände mit Elektrozäunen eingrenzen. Die Wölfe liefen da jeder einmal rein, erkannten sofort, dass sie vom Zaun einen Schlag bekommen, und rührten ihn nie wieder an. Unsere Hunde aber verstanden nicht, was da passiert. Die liefen immer wieder rein, bellten uns aufgeregt an, beklagten sich, dass da was Böses ist“, erzählt Range. Dass man aus dieser Beobachtung schließen könne, die Hunde überließen das Denken den Menschen, verneint sie aber: „Woher die Unterschiede im Verständnis kommen, wollen wir nun herausfinden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)

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