Die Erwärmung mit künstlichen Vulkanen dämpfen?

Die von Nobelpreisträger Paul Crutzen lancierte Idee würde die Klimawandelschäden für die Landwirtschaft nicht ausgleichen.

Vulkanausbruch
Vulkanausbruch
Vulkanausbruch – REUTERS

Als 1815 in Indonesien der größte Vulkan der letzten 10.000 Jahre ausbrach, der Tambora, musste bald die halbe Welt zittern: Die Wolke verdüsterte den Himmel so stark, dass in Europa das „Jahr ohne Sommer“ kam, in den USA nannte man es „Eighteen hundred and froze to death“, in beiden Fällen bedeutete es Ernteausfall und Hunger. Vom nächsten großen, dem Krakatau 1882, ist nichts Vergleichbares überliefert. Und der übernächste brachte eine Überraschung: 1991 schleuderte der Pinatubo auf den Philippinen 20 Millionen Tonnen Schwefeldioxid hoch in die Atmosphäre, sie dehnten sich zu einem erdumspannenden Band, das drei Jahre blieb.

Am dicksten war die Schicht 1992, das Licht wurde trüb, die globalen Temperaturen sanken um 0,5 Grad. Aber der Wald gedieh wie nie, zumindest tat es ein Versuchswald der University of Harvard, in dem man zufällig gerade alle erdenklichen Messgeräte installiert hatte: Er steigerte seine Fotosyntheserate um 23 Prozent, und als sich der Dunst 1994 fast ausdünnt hatte, waren es noch vier Prozent. Eine gegenläufige Kurve zeigten die CO2-Gehalte der Atmosphäre, sie gingen 1992 zurück, CO2 ist Pflanzennahrung (Science 299, S. 2035). Dahinter sahen die Forscher, die es bemerkten, die Architektur der Pflanzen, die dafür sorgt, dass diffuses, gestreutes Licht in Tiefen dringt, in die direkte Strahlung es nicht schafft.

„Ich halte die Idee für sehr aufregend“, kommentierte der Atmosphärenchemiker und spätere Nobelpreisträger Paul Crutzen gegenüber der „Presse“, und vielleicht stand diese Idee hinter einer, die er selbst 2006 lancierte (Climatic Change 77, S. 211): Gegen die globale Erwärmung habe die Reduktion der CO2-Emissionen zwar absolute Priorität, aber „im Notfall“ könne man den Klimawandel mit Geoengineering dämpfen, mit künstlichen Vulkanen bzw. indem man Schwefeldioxid hoch in der Atmosphäre freisetzt.

 

Vom Streulicht profitieren nicht alle

Die Idee war und ist umstritten, und nun spricht ausgerechnet auch der Pinatubo dagegen: Nicht alle Pflanzen profitieren von gestreutem Licht, offenbar tun das nur Bäume, bei den Nutzpflanzen der Felder zeigt sich ein anderes Bild, Jonathan Proctor (Berkeley) hat es aus Erntestatistiken – von Mais, Reis, Soja und Weizen – herausgelesen: Die Erträge gingen bei der Fotosynthese, die Mais nutzt (C4), um 9,3 Prozent zurück, bei den anderen (C3) sanken die Erträge um 4,8 Prozent (Nature 8. 8.).

Im zweiten Schritt hat Proctor für die Jahrhundertmitte hochgerechnet, dann würden Pflanzen stärker vom Hitzestress entlastet, aber in Summe hielte sich alles in der Waage: „Das Management der Sonneneinstrahlung würde wenig vom globalen Schaden des Klimawandels für die Landwirtschaft ausgleichen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2018)

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