Die Odyssee auf dem Wiener Wohnungsmarkt

Wer länger in Wien lebt, wohnt gut und häufig sehr günstig. Wer neu in die Stadt kommt und wenig Geld hat, stößt bei der Wohnungssuche auf Hindernisse. Daran ändern auch die vielen Sozialwohnungen nichts.

(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Der soziale Wohnungsbau ist ein Prestigeprojekt Wiens. International erntet die Stadt dafür Anerkennung. Dies galt nicht nur in den 1920er-Jahren. Es gilt noch, auch weil sich der Gemeindebau für nicht österreichische Bürger geöffnet hat. Ausnahmeregelungen für EU-Bürger und Schweizer, Notfallwohnungen und die Öffnung für Drittstaatsangehörige ermöglichen der Stadt sozial heterogene Nachbarschaften. Residualisierung (siehe Lexikon), bei der Wohlhabende wegziehen und die Übriggebliebenen sozial absteigen, gibt es in Wien nicht.

„Das Leben in Sozialwohnungen gilt in Wien nicht als Stigma, sondern als Normalität“, sagt Anita Aigner von der Fakultät für Architektur und Raumplanung der TU Wien. Sie ging in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit Studierenden der Frage nach, warum der Zugang zum Wohnungsmarkt und speziell zum sozialen Wohnungsbau für Einkommensschwache und Geflüchtete gegenwärtig enger ist als bis in die Neunzigerjahre.

 

Besserverdiener sollen bleiben

Hauptgrund sei, so Aigner, dass Wien wachse und aufgrund stagnierender und sinkender Einkommen breiter Bevölkerungsschichten Nachfrage und Angebot an erschwinglichem Wohnraum auseinanderklafften. Neues Bauland sei aufgrund stark gestiegener Grundstückspreise schwer zu erschließen. Deshalb müsse der vorhandene öffentliche Wohnraum besser genutzt werden. Um weiterhin soziale Mischung zu gewährleisten, sei es jedoch notwendig, dass Besserverdiener nicht zum Auszug aus dem Gemeindebau gezwungen werden: „Sonst entstehen Probleme für diejenigen, die bleiben.“

In 25 Interviews mit Geflüchteten erforschten die Architektursoziologen die Wohnbiografien der Menschen. Nur ein Viertel hat zweieinhalb Jahre nach der Ankunft eine akzeptable Bleibe gefunden. Viele, besonders alleinstehende Männer, lebten in der ersten Zeit und zum Teil bis heute in überfüllten Wohngemeinschaften. „Es hat sich ein problematischer, informeller Subwohnungsmarkt herausgebildet, auf dem Wohnraum zu überhöhten Preisen angeboten wird“, so Aigner. Der Zugang zum sozialen Wohnungsbau stößt auf unüberwindbare Hürden, weil sie wegen häufig erzwungener Umzüge nicht nachweisen können, zwei Jahre lang an derselben Adresse gemeldet gewesen zu sein, wie gefordert. Durch das 2015 eingeführte Bonussystem für Langzeitwiener geraten Neuankömmlinge an das Ende der Warteliste.

Auf dem privaten Wohnungsmarkt bleibt meist erfolglos, wer arbeitslos ist oder kein gutes Deutsch spricht. Auch in Wien würden immer häufiger Einkommensnachweise verlangt. Wohnungssuchende ohne finanzielle Ressourcen scheiterten an Maklerprovisionen oder hohen Kautionen, so Aigner. Immerhin: Die im Projekt Interviewten konnten bei ihrer Odyssee auf dem privaten Wohnungsmarkt häufig mit der Unterstützung von NGOs und der Zivilgesellschaft rechnen.

TU und Uni Wien haben mittlerweile einen interdisziplinären Forschungscluster zu sozialem Wohnungsbau gegründet: bereits im Hinblick auf die Internationale Bauausstellung (IBA), die 2022 in Wien stattfinden und die Konfrontation zwischen der Wiener Tradition des sozialen Wohnungsbaus und den aktuellen Herausforderungen aufgreifen soll.

Lexikon

Soziale Residualisierung bedeutet, dass eine Gruppe einen Wohnbereich nicht mehr für attraktiv hält und diesen verlässt. Zurück bleiben diejenigen, die es sich nicht leisten können, die Gegend zu verlassen. So gerät die soziale Balance außer Kontrolle, Infrastrukturkosten steigen, Aufstiegsperspektiven können nicht entwickelt werden. Eine solche Situation konnte in Wien bisher vermieden werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2018)

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