Warum nur sehen Männer schneller?

Autismusforscher stießen durch Zufall auf eine Geschlechterdifferenz in der Wahrnehmung der Umwelt.

Männer erfassen Bewegung schneller als Frauen.
Männer erfassen Bewegung schneller als Frauen.
Männer erfassen Bewegung schneller als Frauen. – (c) imago/PhotoAlto (Sanna Lindberg)

Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur äußerlich, die Differenzen reichen tief ins Gehirn, etwa bei der Orientierung im Raum, da tun Männer sich leichter. Mit einer Ausnahme: Auf Märkten steuern Frauen blind die Stände an, an denen sie früher gut bedient worden sind. In dieser Spezifität der Geschlechter schlägt das Erbe der Jäger und Sammler durch: Männer mussten den Weg zur Beute finden und den wieder zurück. Ihn traten sie oft mit leeren Händen an, den Grundbedarf sicherten Frauen mit Früchten und Wurzeln, sie mussten sich erinnern, wann und wo diese reif waren.

Diese Geschlechterdifferenz ist also der Kultur geschuldet, bei vielen anderen Unterschieden hat die Natur das Sagen: Frauen werden fünf Mal so häufig von Depressionen getroffen, unter Autismus hingegen leiden zehn Mal so viele Männer. Simon Baron-Cohen (Cambridge) vermutet, es läge an den hohen Dosen des Sexualhormons Testosteron, mit denen männliche Embryos im Uterus ausgestattet werden, das bringe ein „extrem männliches Gehirn“, das alles in der Welt systematisieren wolle.

Wie auch immer, der Unterschied ist da. Autisten beiderlei Geschlechts haben hingegen gemeinsam, dass sie Bewegungen in der Umwelt rascher erfassen. Das zeigt sich etwa in Tests, in denen auf schwarze und weiße Streifen auf Computerscreens reagiert werden muss, die rasch von links nach rechts oder in die Gegenrichtung wandern. Mit diesem Test und bildgebenden Verfahren wollte Scott Murray (Seattle) erkunden, was in Gehirnen von Autisten vor sich geht. Aber im Vergleich mit Nichtautisten zeigten die bildgebenden Verfahren keine Unterschiede, man hatte sich auf gängige Hirnareale konzentriert, die Differenz muss anderswo hausen.

 

Frauen: 25 bis 75 Prozent langsamer

Stattdessen fiel Murray „völlig zufällig“ etwas anderes auf: Wegen des männerspezifischen Risikos für Autismus hatte er auf das Geschlecht der Testpersonen geachtet und dabei auch innerhalb der Nichtautisten einen Unterschied im Erfassen der Bewegung der Streifen bemerkt: Männer waren rascher, Frauen brauchten 25 bis 75 Prozent länger (Current Biology, 16. 8.).

Wie das zugeht, ist unklar, eine Folgerung hingegen liegt nahe: „Geschlechtsunterschiede können sich unerwartet zeigen“, schließt Murray, „aber sie weisen auf die Bedeutung des Geschlechts beim Design und der Analyse von Studien der Wahrnehmung und Kognition.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2018)

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