Anthropologie: Woman X, die Fremde aus Sibirien

Wiener Forscher war bei der Entdeckung von Genspuren eines bisher unbekannten Menschen beteiligt. Der lebte vor etwa 40.000 Jahren im Altai.

(c) Johannes Krause

Ich sitze über den Knochen“, berichtet Bence Viola – Anthropologe, der gerade von der Uni Wien ans MPI für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig übersiedelt ist – am Telefon aus Novosibirsk: „Ich habe heute sicher schon 2000 Stücke daraufhin durchgeschaut, ob es menschliche oder tierische sind.“ Das ist mühsamer Forscheralltag, die Stücke sind klein und summieren sich auf ein Gesamtgewicht von 30 Kilo, aber Viola ist auf einer ganz heißen Spur: Im Archäologischen Institut des sibirischen Zweiges der Russischen Akademie der Wissenschaften in Novosibirsk ist unter anderem eingelagert, was in der Denisova-Höhle im Altai ausgegraben wird.

Dort fand sich zu Weihnachten in einer 30.000 bis 48.000 Jahre alten Schicht ein winziges Fragment – wenige Millimeter – eines Fingerknochens Kindes, eines Menschenkindes, so viel weiß man. Aber zu welchen Menschen dieses Kind gehörte, weiß man nicht, man weiß nur, dass es Menschen waren, die bisher völlig unbekannt sind: „Wir haben sie vorläufig Denisova-Hominin genannt“, erklärt Violas MPI-Kollege Johannes Krause, „oder auch X Woman“. Der Name kommt daher, dass aus dem Knochen die gesamte mitochondriale DNA isoliert werden konnte, die nur von den Müttern weitergegeben wird.

 

Vor einer Million Jahren entstanden

Sie macht nur einen Bruchteil unseres Genoms aus – die Masse sitzt im Zellkern –, ist aber informativ genug, vor allem im Vergleich mit Homo sapiens und Neandertaler: „X Woman“ ist anders als beide, man kann aus den Gendifferenzen auch die Genealogie berechnen: H.sapiens und Neandertaler haben sich vor 500.000 bis 300.000 Jahren voneinander getrennt, in Afrika – „X Woman“ hingegen verließ schon vor einer Million Jahren Afrika, dann erwanderte dieser Mensch – wie später der Neandertaler und noch später H.sapiens – die Welt.

Im Altai war er noch, als die beiden anderen ankamen: Dort lebten Neandertaler, Viola hat es früher an Knochen gezeigt, dort lebte zur gleichen Zeit H.sapiens – von ihm gibt es keine Knochen, aber kunstvoll gefertigte Gegenstände, etwa ein Armband aus poliertem Stein –, dort lebte „X Woman“. „Wir sind schon sehr verwundert, was da wirklich los war“, konzediert Viola, der sich aus gutem Grund durch die Knochen wühlt: Bisher kennt man von „X Woman“ nur das mitochondriale Genom, nicht die Morphologie, nicht einmal das exakte Alter (das Fingerknochenfragment ist zur Bestimmung zu klein). Viola hat inzwischen auch größere Stücke gefunden, aber die gesamte Gestalt dieses Menschen wird sich wohl nie zeigen.

Dann können nur die anderen Gene weiterhelfen, die im Kern. Die Forscher haben auch sie isoliert und sitzen über der Analyse – wirklich fruchtbar kann aber auch die nur im Vergleich werden: Krause ist optimistisch, dass das MPI-Vorzeigeprojekt – das Genom des Neandertalers – demnächst publiziert werden kann.

OUT OF AFRICA – WIE OFT?

Afrika ist die Wiege, dort trennte sich der Mensch vor sechs Mio. Jahren vom Schimpansen. Auf Dauer erhob er sich vor 1,8 Mio. Jahren als Homo erectus, er erwanderte die Welt („Out of Africa 1“). Später machten sich neue Wellen auf den Weg, vor 500.000 Jahren die Neandertaler, vor 50.000 Homo sapiens („Out of Africa 2“). Der neue Fund in Sibirien zeigt, dass es mindestens eine weitere Welle gab, vor einer Mio. Jahren. Zudem legen die Zwergmenschenfunde auf der Insel Flores noch eine frühere Welle nahe.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.03.2010)

Kommentar zu Artikel:

Anthropologie: Woman X, die Fremde aus Sibirien

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen