Zugereiste im Grab der alemannischen Familie

Knochen aus einer mittelalterlichen „Adelsgrablege“ wurden nun genetisch analysiert.

Reiche Grabbeigaben: Auch diese Fibel fand sich in der Grabstätte von Niederstotzingen.
Reiche Grabbeigaben: Auch diese Fibel fand sich in der Grabstätte von Niederstotzingen.
Reiche Grabbeigaben: Auch diese Fibel fand sich in der Grabstätte von Niederstotzingen. – (c) Landesmuseum Württemberg Stuttg (Scan von FM22/164.2)

Dreizehn aneinandergereihte Skelette in zwölf Gräbern, zehn von Erwachsenen, drei von Kindern; Pferdeknochen. Dazu Broschen, ein aufwendig verzierter Kamm plus Etui, zierliche goldene Haarnadeln, sogar Zaumzeug und Langschwerter. All das fand man in der 1962 im baden-württembergischen Niederstotzingen entdeckten Grabstätte. Sie stammt aus dem siebten Jahrhundert n. Chr., von Alemannen, die, wiewohl 497 n. Chr. von den Franken besiegt, in den Gebieten lebten, in denen heute noch alemannische Dialekte gesprochen werden.

Die Knochen wurden bald untersucht, doch viel blieb offen: Welches Geschlecht hatten die Individuen? Wie waren sie miteinander verwandt? Es handelt sich jedenfalls um eine „Adelsgrablege“, wie die Archäologen sagen, um ein mit wertvollen Beigaben versehenes Grab für einen ganzen Haushalt, eine „familia“, die – wie im alten Rom – nicht nur Verwandte umfasste.

Nun analysierten Forscher des Eurac-Forschungszentrums in Bozen und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena die Überreste. Von elf der 13 Individuen wurde genug DNA gefunden, um sie als männlich zu identifizieren. Zwar hatte eines der Gräber früher vermutlich auch als letzte Ruhestätte für Frauen gedient (worauf femininer Schmuck hinweist), diese wurden später wohl entfernt und in ein eigenes Grab gelegt. Die Forscher sprechen von einem „sex bias“, also einem Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Auch unter den Merowingern (die bis 751 regierten) gab es Gräber, in denen nur Männer lagen.

Die Grabstätte in Niederstotzingen repräsentiert jedenfalls nicht die gesamte Population. Vielleicht war sie speziell für höherrangige Krieger gedacht.

Der DNA-Vergleich mit heutigen Bevölkerungsgruppen ergab auch Hinweise auf die Herkunft: Sechs der Individuen ähneln heutigen Nord- und Osteuropäern, fünf von ihnen scheinen Verwandte zumindest zweiten Grades gewesen zu sein. Zwei Individuen – die auch in einem anderen Grab lagen – stammten eher aus dem Mittelmeerraum, das ergab auch die Isotopenanalyse der Zähne. Eine solche „familia“ habe eben Besitztümer von Norditalien bis zur Nordsee gehabt und Menschen aus ihnen für ihren Haushalt rekrutiert, meinen die Forscher. Eine Erklärung dafür, dass Nichtverwandte mitbegraben wurden, könnte sein, „dass sie als Kinder adoptiert worden waren, um zu Kriegern ausgebildet zu werden“. Das sei damals eine übliche Praxis gewesen, solche adoptierten Kinder seien wie Familienmitglieder behandelt worden.

„Die Ergebnisse beweisen, dass es bemerkenswerte transregionale Kontakte gab“, sagt Niall O'Sullivan, Erstautor der Studie. „Und sie sprechen dafür, dass die Verbindung zwischen Familie und Gefolge auch noch nach dem Tod bestehen blieb.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2018)

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