Prunkvolles Leben als falscher Nachfahre byzantinischer Kaiser

Ein Betrüger düpierte im 18. Jahrhundert Kaiser Karl VI. und die Wiener Adelswelt. Nach den Siegen Prinz Eugens gegen die Osmanen träumten viele schon von einer Wiedererrichtung des alten Byzantinischen Reichs.

Kunstvoll gestaltete Ritterurkunde auf feinem Pergament.
Kunstvoll gestaltete Ritterurkunde auf feinem Pergament.
Kunstvoll gestaltete Ritterurkunde auf feinem Pergament. – Creative Commons

Giantonio Lazier war ein raffinierter Mann. Als Großmeister des Konstantinischen Ordens und Nachfahre der ehemaligen byzantinischen Kaiser wird er auf dem höfischen Parkett Wiens in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts umworben, er vergab Mitgliedschaften seines Ordens samt dazugehörigem Ritterstatus. Von den Einkünften lebte er zudem recht gut.

Allerdings: Die Biografie, die der Mann angab, war frei erfunden. Publiziert hat diesen Schwindel nun knapp drei Jahrhunderte später der Byzantinist Christian Gastgeber. Er stieß im Zuge der Vorbereitungen der in diesem Jahr laufenden Ausstellung „Byzanz und der Westen“ auf der niederösterreichischen Schallaburg (bis 11. November 2018 geöffnet) auf einige der von Lazier bzw. Lascaris besonders prunkvoll gestalteten Ritterdokumente. Gastgeber, der am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Arbeitsgruppe Sprache, Text und Schrift leitet, hat die Spuren des Schusters aus dem Aostatal im Norden Italiens – nämlich jene von Lazier – akribisch offengelegt.

Das Auftreten des Schwindlers ist vor dem Hintergrund einer Byzanznostalgie jener Zeit zu sehen. Im Gefolge des Friedens von Passarowitz (1719), in dem die Habsburger gewaltige Gebietsgewinne aus dem Osmanischen Reich erzielen konnten, ist die Fiktion von einem neuen Byzantinischen Reich – das tatsächliche Reich ist 1453 mit dem Fall von Konstantinopel erloschen – in den Köpfen mancher Menschen virulent geworden.

 

Unter dem Schutz des Kaisers

Jetzt aber behauptet ein Mann, er sei Großmeister des Konstantinischen Ritterordens des heiligen Georg und zudem selbst ein Abkömmling der oströmischen Kaiser. Dies wiederum belegte er mit seinem vollen (Schein-)Namen: Jean Antoine Gianantonio Lazier Antonius I. Flavius, Angelus, Comnenus (Ducas), Lascaris, Palaeologus. Dazu kam noch, dass Lazier offensichtlich auch Kaiser Karl VI. täuschte und dieser ihm wohlwollend gegenüberstand. So konnte der frühere Schuster auch vom Habsburgerkaiser eine Bestätigung seines Scheinamts erhalten.

Eine Aufnahme in den Konstantinischen Orden bedeutete damals nicht nur eine nach außen wirkende Würdestellung, man sah sich auch in der Aura der ehemaligen prachtvollen Macht. Mit den Urkunden wurden den Antragstellern teils auch Herrschaftsräume in dem Gebiet des Osmanischen Reichs mitübertragen. Dazu Gastgeber: „Lazier gab dem Orden eine besondere byzantinische Note in der Wahrung des christlich-byzantinischen Erbes mit Blick auf die Wiedererrichtung des Imperium Romano-Byzantinum.“

Von 1718 bis 1738 stellte Lazier in Wien mehr als 50 aufwendig gestaltete Urkunden seines Ordens aus und schuf sich so ein reiches Netzwerk an einflussreichen Ordensmitgliedern. Seine Wohnanschrift ist nicht überliefert, er, der angebliche Urenkel byzantinischer Kaiser, dürfte als Gast in den Adelshäusern gelebt haben. Neue Ordensmitglieder mussten nicht nur für die Verleihung und die teils in Goldschrift gefertigte Urkunde zahlen, sie mussten auch jährliche Geschenke an den vermeintlichen Großmeister entrichten. Von einem von ihm ernannten Ritter habe sich Lazier jährlich einen Schimmel mit Silberhufen ausgehandelt, von einem anderen jährlich zwei Pfaue – und dies habe man unter Strafandrohung leisten müssen, so Gastgeber.

 

Kritik und Entlarvung

Das Treiben Laziers erregte außerhalb der Habsburgermonarchie bald Kritik. Zum einen wehrte sich das Adelsgeschlecht Lascaris di Ventimiglia gegen die Benutzung seines Namens. Zum anderen recherchierte die italienische Adelsfamilie Farnese, die die Würde des Konstantinordens offiziell erworben hatte, über den sogenannten Großmeister aus Wien und machte dessen Wurzeln im Aostatal und seinen ursprünglichen Beruf publik. Karl VI. hielt noch einige Zeit schützend seine Hand über Lazier, es dürfte aber zunehmend still um ihn geworden sein. Er starb 60-jährig am 8. April 1738 im Wiener Dominikanerkloster – und zwar immer noch als Kaisernachfahre und Großmeister seines Ordens.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2018)

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