Wenn jede Bewegung schmerzt

Medizintechnik. Eine Wiener Software, die Röntgenbilder von Kniegelenken befundet, könnte die Arthrosediagnose erleichtern. Doch sie stößt bei Fachärzten noch auf Skepsis.

Die Software eines Wiener Start-ups berechnet eine objektive Zweitmeinung bei der Bewertung und Klassifikation von Kniearthrose.
Die Software eines Wiener Start-ups berechnet eine objektive Zweitmeinung bei der Bewertung und Klassifikation von Kniearthrose.
Die Software eines Wiener Start-ups berechnet eine objektive Zweitmeinung bei der Bewertung und Klassifikation von Kniearthrose. – (c) Image Biopsy Lab 2018

Mit zunehmender Lebenserwartung der Bevölkerung wächst die Zahl der an Arthrose erkrankten Menschen. Die Kniearthrose ist die am häufigsten auftretende degenerative Gelenkerkrankung weltweit. Ursachen können eine zu starke Belastung durch Übergewicht, Unfälle, angeborene Knochenerkrankungen oder Gelenkfehlstellungen sein. Für viele Erkrankte bedeutet dies, kein schmerzfreies Leben führen zu können. Helfen konservative Methoden nicht, wird eine operative Behandlung nötig, bis hin zum Ersatz des Gelenks.

Ärzte sichern ihre Diagnose bei Arthrose durch Röntgenbilder ab, die sie in der Regel selbst interpretieren. Der Befund ist besonders bei komplexen Diagnosen zeitaufwendig. Das Wiener Start-up Image Biopsy Lab hat eine Software entwickelt, die Kniegelenkarthrosen automatisiert und standardisiert befundet. Geschäftsführer Richard Ljuhar weist darauf hin, dass die Software genauer als das Auge des Arztes drohende Kniearthrosen in einem frühen Stadium prognostizieren kann. So könnte das Fortschreiten der Krankheit verlangsamt und eine zukünftige Einschränkung reduziert werden. Primär wird die Untersuchung durch Röntgenbilder und ergänzend durch kostenintensivere MRT-Untersuchungen geleistet.

 

Software erstellt auch Prognose

Zur Bewertung der Kniearthrose mittels bildgebender Verfahren wird ein standardisiertes Klassifikationsverfahren (Kellgren-Lawrence-Score) genutzt. Der Gelenkspalt, die Bildung von zusätzlichem Knochengewebe, die Ausbildung einer Sklerose, deren Deformation und Degeneration werden gemessen und die Ergebnisse anhand einer Skala beurteilt. Studien zeigten allerdings, dass drei Ärzte nur in 13 bis 15 Prozent der Fälle bei der Beurteilung der Parameter zu einem identischen Ergebnis kommen. Die Software soll ermöglichen, den Score als objektive Zweitmeinung zu verwenden.

Image Biopsy Lab hat auf Basis von 574 Patienten retrospektiv eine Studie durchgeführt, um Modelle auf der Grundlage anatomisch-radiologischer und struktureller Parameter zu entwickeln, die zusätzlich zu einer standardisierten Bewertung eine künftige Arthrose prognostizieren können.

Zu diesem Zweck werden künstliche neuronale Netzwerke eingesetzt. Diese finden die entscheidenden Punkte für die Analyse der relevanten Bereiche auf dem Röntgenbild und können dadurch flexibel auf unterschiedliche anatomische Eigenschaften reagieren. Der Befund kann von Ärzten kontrolliert und manuell verändert werden, wenn sie zu einer anderen Einschätzung kommen. 2016 erhielt Image Biopsy als Start-up Zuschüsse und Kredite von u. a. der Wiener Wirtschaftsagentur und der aws (Austria Wirtschaftsservice). Das Unternehmen arbeitet mit klinischen Anwendern im In- und Ausland zusammen.

Inzwischen wurden die ersten Schritte für eine US-Zulassung der vollautomatischen Befundsoftware umgesetzt. Die klinische Evidenz konnte nachgewiesen werden, allerdings wird in dem Antrag auf die Möglichkeit der manuellen Beeinflussung durch den Arzt verzichtet. In den USA ist das Interesse an der Software auch deshalb groß, weil die Klagebereitschaft der Patienten bei Fehldiagnosen das Interesse der Mediziner an einer zusätzlichen Absicherung erhöht.

In Österreich steht das Start-up derzeit noch vor der Schwierigkeit, die beim TÜV-Süd zugelassene Software in die Arbeitsabläufe und Systeme der radiologischen Praxen zu integrieren. „Eine Software ist nie unfehlbar. Deshalb ist die Skepsis in der Gesellschaft und unter den Medizinern noch groß“, bedauert Ljuhar. „Es fehlt der Druck des Gesetzgebers.“

IN ZAHLEN

15Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer leiden laut Statistik Austria (Österreichische Gesundheitsbefragung) an Arthrose.


19Prozent der über 60-Jährigen leben mit einer Arthrose. Bei den 60- bis 74-Jährigen sind jede dritte Frau und jeder fünfte Mann betroffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2018)

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