Imperiales Areal für modernen Alltag

Das denkmalgeschützte Areal der Hofburg hat seit dem Ende der Monarchie Schritt für Schritt neue Bestimmungen erhalten. Weitere Änderungen sind möglich.

Der Heldenplatz, als Kaiserforum zu beiden Seiten verbaut – eine Vision in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Der Heldenplatz, als Kaiserforum zu beiden Seiten verbaut – eine Vision in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Der Heldenplatz, als Kaiserforum zu beiden Seiten verbaut – eine Vision in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. – (c) Albertina Wien

Ein Vergnügungsetablissement in den imperialen Räumlichkeiten der Neuen Hofburg in Wien? Mit Restaurant, Café, Kino und Spielsalon? Die für das gesamte Hofburgareal zuständige Burghauptmannschaft lehnte das in der Zwischenkriegszeit bestehende Vorhaben ab, dennoch wurden bereits zwei Zugänge und eine Autoauffahrt im Bereich des heutigen Burggartens festgelegt. Das Projekt scheiterte schließlich an der doch nicht bereitgestellten bzw. gesicherten Finanzierung.

Das auf das Amüsement ausgerichtete Projekt ist nur ein Detail im stattlichen, von der Akademie der Wissenschaften aufgelegten Band „Die Wiener Hofburg seit 1918. Von der Residenz zum Museumsquartier“. 13 Autorinnen und Autoren zeigen aus den verschiedenen Aspekten die Hofburg-Geschichte der vergangenen 100 Jahre, Herausgeberin des Bands ist die Wiener Kunsthistorikerin Maria Welzig.

 

Unvollendetes Kaiserforum

Mit dem Gesetz vom 3. April 1919 wurde die Habsburgerfamilie nicht nur des Landes verwiesen, auch ihre Besitzungen gingen in das Eigentum der jungen Republik über. Der Wiener Hofburgkomplex mit seinen 18 Trakten, 19 Höfen und 2600 Räumen sowie die Hofstallungen (später Messepalast, heute Museumsquartier) und das Ensemble des Heldenplatzes bilden das größte zusammenhängende imperiale Forum im Zentrum einer europäischen Stadt. Von der Vollendung des ursprünglichen Kaiserforums mit einem zweiten Flügel der Neuen Burg (siehe Bild) war in der Ersten Republik keine Rede mehr. Der Bau der Neuen Burg, in der sich heute der Hauptsaal der Nationalbibliothek, das Weltmuseum und das neue Haus der Geschichte (Eröffnung 13. November 2018) befinden, wurde erst 1912 endgültig abgeschlossen. Aber schon damals, so Maria Welzig, seien die Habsburger vom Plan eines überdimensionierten Forums abgerückt.

Die heutige Nutzung des Hofburgareals hat sich hauptsächlich in der Zweiten Republik ergeben. Seit 1946 residiert der Bundespräsident im Leopoldinischen Trakt, 1958 wurde das Kongresszentrum eröffnet, 1966 die Nationalbibliothek in der Neuen Hofburg (bereits seit 1726 am Josefsplatz). Dazu kommen Museen, Dienststellen der Bundesministerien, Universitätsinstitute, Privatwohnungen und schließlich seit 2001 das Museumsquartier. Und natürlich die schon in der Monarchie bestehende Hofreitschule und die für Bälle genutzten Prachtsäle. „Das gesamte Areal ist nicht ein einziges riesiges Museum, sondern verfügt über eine funktionelle Alltagsnutzung“, sagt Maria Welzig.

Von all dem war in der Ersten Republik noch nicht die Rede. Schon Ende 1918 meldeten mehrere Institutionen Begehrlichkeiten an, der Stadt Wien ging es vor allem um die Erhaltung bzw. Öffnung der Grünanlagen für die Bevölkerung sowie um einen öffentlichen Durchgang zwischen dem Michaelerplatz und den westlichen Bezirken. Die Vereinigung bildender Künstler wandten sich wiederum gegen eine Nutzung als Spital und Sanatorium. Eine nachhaltige Nutzung gab es doch: Das äußere Burgtor wurde zu einer Gedenkstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs gestaltet.

Im Austrofaschismus und erst recht in der NS-Zeit nutzte man das Areal für Großausstellung und Propagandaveranstaltungen. In den ersten Jahren der Zweiten Republik kam es vorerst – nicht zuletzt wegen der Anschlussrede am 15. März 1938 – zu einer Tabuisierung des Areals. Maria Welzig: „So wurde auch der österreichische Staatsvertrag im abgelegenen Schloss Belvedere verkündigt.“

 

Neue Begehrlichkeiten

Und wie sieht Welzig die nächsten Entwicklungsschritte? In Bezug auf den Heldenplatz gebe es starke Begehrlichkeiten, sagt die Kunsthistorikerin. „Das Parlament hat den wichtigsten Platz der Republik, den Heldenplatz, auf Jahre hinaus mit provisorischen Bauten belegt, ohne eine öffentliche Debatte darüber zu führen.“ An der TU Wien (Department Hochbau 2) hat man Pläne für verschiedene Projekte erarbeitet. So soll das Burgtor zu einem modernen Besucherzentrum umgestaltet werden.

BUCHTIPP

„Die Wiener Hofburg seit 1918. Von der Residenz zum Museumsquartier“, herausgegeben von Maria Welzig (Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 607 S., 89,90 Euro).

Der Band ist der Abschluss von fünf Hofburg-Publikationen, in denen insgesamt 40 Wissenschaftler die Entwicklung vom Bau der Kastellburg im Mittelalter bis in die Gegenwart behandeln. Das Projekt wurde vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2018)

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