Nobelpreis für Medizin: Dem Körper helfen, sich selbst gegen Krebs zu helfen

Geehrt werden Ärzte aus Japan und den USA, die die Grundlagen für Immuntherapien gegen Tumore gelegt haben.

(c) APA/AFP/SAM YEH

An Krebs, bei dem einzelne Zellen aus dem Verband des Körpers ausscheren und sich unkontrolliert vermehren, ist vieles nicht verstanden. Rätselhaft ist etwa, warum die Immunabwehr des Körpers sich über diese ihm fremden Zellen nicht so hermacht wie über andere, die von eingedrungenen Bakterien etwa. Zumindest tut sie das nicht immer: Viele kranke Zellen werden durchaus weggeräumt, aber manche wachsen sich eben zu Tumoren aus. Dann hatte die Medizin lange nur drei Mittel, grobe: Skalpell, Strahlen, Gifte vulgo Chemotherapie.

Natürlich versuchte man lange auch schon, die körpereigene Abwehr zu mobilisieren, zunächst ganz generell – etwa mit Bakterien –, später, indem man die in diesem Fall zentralen Zellen des Immunsystems, die T-Zellen, darauf trainieren wollte, Tumorzellen zu erkennen. Die entnahm man Patienten bei Operationen und hat T-Zellen um sie herum vermehrt, die gab man dann in den Körper zurück. „Es war ein wenig wie eine Impfung, es hat auch ein bisschen funktioniert“, berichtet Walter Berger (MedUni Wien), der sich vor 20 Jahren mit dem Verfahren beschäftigte, „aber der Durchbruch kam erst mit diesen beiden Herren bzw. den von ihnen entdeckten Molekülen.“

 

Molekulare Feinmechanik

Die beiden Herren sind der 1948 geborene US–Amerikaner James Allison und der 76-jährige Japaner Tasuku Honjo. Sie werden dieses Jahr mit dem Medizin-Nobelpreis – und zusammen einer Million Schwedenkronen (rund 870.0000 Euro) – geehrt, „für ihre Entdeckung von Krebstherapien durch die Inhibition von negativer Immun-Regulierung“. Das klingt komplizierter, als es ist: Zellen des Immunsystems dürfen nicht immer aktiv sein, sie müssen anschaltbar sein und abschaltbar auch, vor allem das, sonst können sie überschießend wirken und Autoimmunerkrankungen bringen. Deshalb werden T-Zellen fein reguliert, von Molekülen, die an sie andocken, eines entdeckte Honjo 1992: PD-1. Zwei Jahre später fand Allison ein zweites, CTLA-4. Beide sind „Checkpoint-Inhibitoren“: Sie halten T-Zellen im Zaun, produziert werden sie von anderen Mitgliedern des Immunsystems, „regulatorischen Zellen“. Von ihnen schauen Tumorzellen den Trick ab bzw. sie spannen regulatorische Zellen ein, es für sie zu tun. Damit machen sie sich für das Immunsystem unsichtbar, tragen Tarnkappen. Die kann man ihnen abstreifen, wenn man die Stelle, an die sie an T-Zellen binden, mit etwas anderem blockiert, mit Antikörpern.

Mit denen hatte Allison 1994 erste Erfolge an Mäusen, sie haben sich inzwischen zu einer starken Waffe vor allem gegen einen früher unheilbaren Hautkrebs entwickelt, das Melanom. Gegen eine breitere Palette wirkt ein auf Honjos Fund aufbauender Antikörper, er wirkt generell besser, weil er Tumore direkt dort bekämpft, wo sie wachsen (der auf Allison aufbauende entsperrt die T-Zell-Blockade in Lymphknoten, weit oben im Immunsystem, deshalb ist die Gefahr von Autoimmun-Folgen größer).

Das Ganze ist molekulare Feinmechanik, oder, wie Berger formuliert: „Das Schöne daran ist, dass es kein Vergiften ist, sondern eher ein Ausheilen, das den natürlichen Schutz der Immunkontrolle wiederherstellt.“

Die Geehrten

Tasuko Honjo, geb. 1942 in Kyoto, an dessen Universität der Immunologe, der seinen Geist mit Golf stärkt, heute noch aktiv ist.
James Alllison, geb. 1948 in Alice, Texas, seit 2012 als Immunologe an der University of Texas: Er sieht die Funde als „vierte Säule“ der Krebstherapie, neben „Operation, Strahlen und Chemo“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2018)

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