Auf den Spuren der frühen Wikinger

Ein norwegisches Wikingerschiff wird wieder sichtbar gemacht. Das in Österreich entwickelte Bodenradar ermöglicht – ohne Grabungsarbeiten – eine Bestandsaufnahme.

Unterwegs auf dem Areal einer früheren Kultstätte der Wikinger. Der mit einem Bodenradar versehene Traktor zeichnet die Konturen eines unter der Erde ruhenden Wikingerschiffs auf (kleines Bild).
Unterwegs auf dem Areal einer früheren Kultstätte der Wikinger. Der mit einem Bodenradar versehene Traktor zeichnet die Konturen eines unter der Erde ruhenden Wikingerschiffs auf (kleines Bild).
Unterwegs auf dem Areal einer früheren Kultstätte der Wikinger. Der mit einem Bodenradar versehene Traktor zeichnet die Konturen eines unter der Erde ruhenden Wikingerschiffs auf (kleines Bild). – Lars Gustavsen, Niku

Auf den ersten Blick ist es ein mittelgroßer Traktor, der sich mit 15 km/h über das Areal bewegt. Allerdings: Zentimeter für Zentimeter streckt er seine „Fühler“ in den Boden, auf dem Fahrersitz befindet sich ein Archäologe, das Gefährt selbst ist mit einem Bodenradargerät ausgestattet. Dieser Fühler liefert ein dreidimensionales Datenraster, das Auskunft über die Bodenbeschaffenheit bis zwei, drei Meter unter der Erdoberfläche gibt.

Das spezielle Bodenradar hat Wolfgang Neubauer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie entwickelt. Zuerst lieferte Neubauers virtuelle Archäologie sensationelle Ergebnisse im Nahbereich von Stonehenge, wo 2014 eine weitere, seinerzeit aus Holzbalken errichtete Kultstätte entdeckt wurde. Dann folgte das archäologische Forschungsprojekt in Birka nahe Stockholm mit der Rekonstruktion einer größeren Wikingersiedlung. Und vor wenigen Tagen machten die Boltzmann-Archäologen einen Sensationsfund – ein 20 Meter langes Wikingerschiff – im norwegischen Borre publik.

In Borre im Oslo-Fjord beteiligen sich die Österreicher schon seit 2010 an den vom norwegischen Institut für Kulturgüterforschung (Norsk institutt for kulturminneforskning/Niku) geleiteten archäologischen Arbeiten. Seit ersten Funden bei Straßenbauarbeiten vor 160 Jahren weiß man in diesem Gebiet über die Existenz von Zeugnissen aus der Wikingerzeit Bescheid. „Es ist die größte Ansammlung von Grabhügeln, die bisher bekannt ist“, sagt Wolfgang Neubauer. Neben dem Wikingerschiff, das sich in einer Grabstätte befunden hatte, wurden auch die Überreste von fünf Langhäusern festgestellt, die vermutlich Versammlungs- oder Festhäuser bzw. Ritualhallen waren.

 

Seit acht Jahren in Norwegen

Seit 2010 haben die österreichischen Archäologen gemeinsam mit den Kollegen vom Niku im Oslofjord etwa zehn Quadratkilometermit dem Bodenradar untersucht. Die Anlage von Borre wurde vom siebenten bis zum zehnten Jahrhundert benutzt und kann wertvolle Aufschlüsse über die frühe Wikingerzeit liefern. Die seinerzeitigen Grabhügel sind nicht mehr vorhanden, sie wurden schon vor Jahrhunderten von der ortsansässigen Bevölkerung für Bauzwecke abgetragen. Entdeckt wurde auch eine Hafenanlage mit einer künstlich angelegten Mole, die bei stürmischer See Schiffslandungen ermöglicht hatte.

Gegraben wurde bei der geophysikalischen Spurensuche nicht– oder noch nicht. Die digitale Visualisierung der Radardaten liefert eindeutige Bilder der Umrisse, wobei man auch meist auf den Zustand der aufgespürten Zeugnisse schließen kann. So ist der untere Teil des nun aufgefundenen nur 50 cm unter der Bodenfläche ruhenden Wikingerschiffs bis heute gut konserviert. Die archäologischen Forschungen werden mit den Norwegern fortgesetzt. Wobei das Niku schon bei der Gründung des Boltzmann-Instituts im Jahr 2010 Pate stand. Denn damals musste der an der Uni Wien tätige Wolfgang Neubauer der Boltzmann Gesellschaft Partnerinstitutionen namhaft machen – und das norwegische Institut war eine von diesen. Heute hat die Einrichtung 35Mitarbeiter, an den Außeneinsätzen sind Volontäre und Praktikanten beteiligt.

 

Wasserradar für den Mondsee

In Österreich sind Neubauer und sein Team rund um Carnuntum im Einsatz. Hier wurde die Applikation des Bodenradars für die Archäologie erstmals eingesetzt. 2011 konnte man die Konturen der Gladiatorenschule von Carnuntum und ein großes Militärlager entdecken. Unter den 35 verschiedenen österreichischen Projekten hebt Neubauer die jungsteinzeitliche Spurensuche bei Poysdorf (Niederösterreich) und bei Rechnitz (Burgenland) hervor. Gleichzeitig wird am Bau eines mit einer Unterwasserprojektion ausgestatteten Forschungsschiffs gearbeitet. Dieses soll am Attersee und Mondsee die Böden untersuchen.

LEXIKON

Bodenradar. Mit elektromagnetischen Wellen wird ein dreidimensionales Bild von der Beschaffenheit des Bodens, und zwar bis zu einer Tiefe von drei Metern, entworfen. Bestehen in dieser Tiefe Konturen früherer Bauwerke, so sind diese am Computerbildschirm deutlich sichtbar. Diese in Österreich konstruierte zerstörungsfreie geophysikalische Methode wird dann eingesetzt, wenn tatsächliche Grabungsarbeiten nicht möglich oder zu einem späteren Zeitpunkt geplant sind.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2018)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Auf den Spuren der frühen Wikinger

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.