Stabiles Schiff mit wendigem Beiboot

Am Beispiel der Tischlereibranche wird am Management Center Innsbruck untersucht, ob und wie Innovationen in familiengeführten Betrieben Fuß fassen können.

Tischlereien als Forschungsobjekt. Durch Billigkonkurrenz kommen traditionelle Familienbetriebe in Zugzwang.
Tischlereien als Forschungsobjekt. Durch Billigkonkurrenz kommen traditionelle Familienbetriebe in Zugzwang.
Tischlereien als Forschungsobjekt. Durch Billigkonkurrenz kommen traditionelle Familienbetriebe in Zugzwang. – (c) Katharina Fröschl-Roßboth

Das Image von Familienbetrieben mag eher konservativ sein. Doch auf EU-Ebene rücken sie zunehmend in den Fokus des Interesses. Immerhin gelten Familienunternehmen, die mehr als 70 Prozent der EU-Betriebe ausmachen, als Schlüsselfaktor für Europas Wohlstand. Grundlagenforschung in dem Bereich wird auch in Tirol betrieben: Am Management Center Innsbruck (MCI) wurden ein Zentrum Familienunternehmen sowie ein Research Lab Familienunternehmen eingerichtet. Neben der Analyse der Ist-Situation wollen die Forscherinnen und Forscher vom MCI Lösungsansätze für Probleme in den Betrieben liefern.

 

Mit Emotion gegen Billigware

Gabriela Leiß, Projektmitarbeiterin am Zentrum Familienunternehmen und gleichzeitig Leiterin des Fachbereichs Personal, Organisationsentwicklung und Change des MCI, schloss jüngst zusammen mit ihrem Team eine Studie zum Innovationsverhalten kleiner und mittelständischer Familienbetriebe am Beispiel der Tischlereibranche ab. Dafür wurden 120 familiengeführte Tischlerbetriebe nach den Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind, und nach ihrem Umgang damit befragt.

Als wesentlich für das Innovationsverhalten stellte sich dabei erwartungsgemäß Chef bzw. Betriebsführung heraus. Jedoch, so die Studienergebnisse, werde Innovation auch durch Einflüsse von außen initiiert. Gabriela Leiß: „Das kann durch einen veränderten Kundenstamm ausgelöst werden, aber auch durch eine veränderte Marktlage wegen neuer Konkurrenzbetriebe oder durch einen neuen Maschinenpark.“ So bewirke zum Beispiel Billigkonkurrenz so manche Innovation durch Spezialisierung auf Nischen – etwa auf bestimmte Kundenkreise, auf heimisches Design oder auf nachhaltige Produkte. Eine weitere Schiene ist das Setzen auf mehr Authentizität und Emotionen beim Kauf und die Etablierung als „Tischler des Vertrauens“.

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass Tischler künftig verstärkt in branchenspezifischen und -übergreifenden Netzwerken zusammenarbeiten und auf Open Innovation in enger Zusammenarbeit mit ihren Kunden setzen sollten. Durch alternative Geschäftsmodelle können auch kleine und mittelständische Traditionsbetriebe neue Markteintrittsstrategien verfolgen und in fortgeschrittene Produktionstechnologien investieren.

 

Kampf der Verdrängung

Gleichzeitig hat der Fachbereich, an dem das Zentrum angesiedelt ist, Zugriff auf Daten, die im Rahmen der groß angelegten internationalen Studie „Tischler 2025“ erhoben wurden. Diese Untersuchung wurde vom MCI-Absolventen Thomas Auer im Auftrag eines internationalen Werkzeugherstellers durchgeführt. Der Befund: Der Schreinerbranche machen sowohl der massive Facharbeitermangel als auch der immer schneller voranschreitende technologische Wandel zu schaffen, aber auch die Kluft in den Kundenerwartungen zwischen Niedrigpreisschiene und High-End-Einzelfertigung.

Die Studie entwirft Szenarien, um der drohenden sukzessiven Verdrängung mittelständischer Betriebe mit zehn bis 30 Mitarbeitern entgegenzuwirken. Möglich ist dies etwa durch Outsourcing, durch Montagedienstleistungen für andere Unternehmen, aber auch durch Schaffung formeller und informeller Netzwerke in Form neuer Business-Ökosysteme, um etwa Lieferzeiten zu verkürzen und Halbfertig- und Fertigprodukte verfügbarer zu halten. Die Studie, die auf 180 qualitativen Interviews und 221 quantitativen Befragungen basiert, wurde methodisch maßgeblich durch Zukunfts- und Innovationsforscher des MCI begleitet.

Die Ergebnisse beider Studien sollen in einem nächsten Schritt auch für kleine und mittlere Unternehmen der Region zugänglich gemacht werden.

 

Kein Verzicht auf Tradition

Auf eine kurze Formel gebracht, bedeute die künftige Herausforderung für Familienunternehmen, Tradition mit Innovation zu verbinden, sagt Leiß. Die Studien hätten eine Menge von Optionen ergeben, wie dies zu bewerkstelligen sei, unter Umständen sogar durch das Bestehen zweier verschiedener Schienen innerhalb eines Betriebs. „Vielleicht gibt es ja ein Sowohl-als-auch. Vielleicht kann Tradiertes bestehen bleiben, und zwar dank einer Art wendigem Beiboot, das proaktiv darauf achtet, welche Trends sich abzeichnen, und flexibel darauf reagiert“, resümiert die Forscherin.

In Zahlen

54 Prozent der Betriebe Österreichs sind Familienunternehmen – mit Einbezug der Ein-Personen-Unternehmen wären es 90 Prozent und 156.000 Betriebe. Sie gelten damit als das Rückgrat der heimischen Wirtschaft.

1,7 Millionen Beschäftigte arbeiten nach Angaben der KMU-Forschung Austria in Österreich in Familienbetrieben. Sie erwirtschaften Umsätze von knapp 383 Milliarden Euro pro Jahr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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