Neue Befunde bringen der Archäologie neue Rätsel

Ägyptologie. Laut ihrer Geschichtsschreibung haben die Ägypter die Fremdherrschaft in ihrem Land mit Gewalt beendet. Doch ein Archäologe der ÖAW schließt nun aus 14C-Daten, dass das ganz anders war.

2: Spätbronzezeitlicher Krug während der Ausgrabung
2: Spätbronzezeitlicher Krug während der Ausgrabung
Spätbronzezeitlicher Krug während der Ausgrabung. – (c) Katharina Streit

Rund 40 Kilometer südwestlich von Jerusalem liegt Tel Lachisch, einer der bedeutendsten bronze- und eisenzeitlichen Fundorte des heutigen Israel. Dort findet nach über hundert Jahren wieder eine österreichisch-israelische Grabung statt, geleitet von Felix Höflmayer vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Katharina Streit von der Hebräischen Universität Jerusalem.

„Wir sind sehr froh, dass wir gerade hier graben dürfen“, erklärt Höflmayer: „Schließlich war Lachisch eine der wichtigsten Städte der Bronze- und Eisenzeit, und gerade die Siedlungsschichten der späten Mittel- und frühen Bronzezeit, also der Zeit von rund 1600 bis 1500 v. Chr., wurden hier noch kaum erforscht. Uns hat genau diese Zeit besonders interessiert, da es damals zu größeren politischen Umwälzungen gekommen ist und diese Epoche als Grundlage für die folgende sogenannte erste Globalisierung gilt.“ Ägypten wurde rund 100 Jahre lang (von rund 1650 bis 1550 v. Chr.) von den Hyksos regiert, deren Namen darauf schließen lassen, dass sie aus dem westsemitischen Sprachraum stammten, wahrscheinlich Kanaaniter aus Palästina waren.

 

Zerstörungen waren früher

Der erste Hyksos-König soll Salitis gewesen sein, den die altägyptische Chronologie zur 15. Dynastie zählte. Hyksos heißt auf Altägyptisch „Herrscher der Fremdländer“: Die Ägypter sollen sich um 1550 v. Chr., zur Zeit der 17. Dynastie, dieser Fremdherrschaft mit Gewalt entledigt haben; darauf deuten auch die vielen Zerstörungshorizonte in dieser Gegend. „Bisher ist man davon ausgegangen, dass die vielen Zerstörungen auf die Vertreibung der Hyksos durch die Ägypter zurückzuführen sind“, erläutert Höflmayer: „Das würde auch auf der Hand liegen, hat man doch auch schriftliche Quellen, die darauf hindeuten.“

Die große Überraschung erbrachte jedoch die Datierung mit der 14C-Methode (Radiokohlenstoffdatierung), die auf dem Zerfall des Kohlenstoff-Isotops 14C beruht und eine recht genaue zeitliche Einordnung ermöglicht. „Nach diesen Befunden“, erklärt Höflmayer, der Archäologie und Ägyptologie studiert hat, „erfolgten die Zerstörungsereignisse viel früher, bis zu 100 Jahre früher, und sie zogen sich bis zu einem halben Jahrhundert hin. Das bedeutet, dass man diese Ereignisse nicht gleichsetzen kann mit der Vertreibung der Hyksos durch die Ägypter. Und das heißt natürlich auch, dass man die Geschichte dieser Zeit neu schreiben, sie neu und anders mit der Geschichte der Ägypter verlinken muss.“ Mit diesem unorthodoxen Befund hat sich Höflmayer allerdings nicht nur Freunde gemacht. Sein ehemaliger Doktorvater, der Ägyptologe Manfred Bietak, der sich lange Jahre mit der Erforschung der Hyksos in Ägypten beschäftigt hat, lehnt die neue Datierung vehement ab. Denn damit tut sich noch eine Frage auf: Haben die Ägypter die Hyksos überhaupt wirklich vertrieben, wie sie selbst stolz behauptet haben? Oder haben sie sich die neuerliche Herrschaft in der Levante einfach sichern können, weil sie in ein Machtvakuum vorstoßen konnten?

Höflmayer meint, man müsse die schriftlichen Quellen eben kritischer hinterfragen. „Lang war man darauf angewiesen, sich schriftlicher Quellen zu bedienen oder anhand von Funden Datierungen vorzunehmen. Da kam es letztlich immer auf die Interpretation an. Heute kann man auf die 14C-Methode zurückgreifen, mit der eine genauere Datierung möglich ist.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2018)

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