USA verlieren an Attraktivität

In das Getriebe der Wissenschaftsnation Nummer eins ist Sand gekommen: Fake News und Visa-Beschränkungen verbreiten ein schlechtes Klima.

Albert Einstein in Erz vor der National Academy of Science (NAS) in Washington.
Albert Einstein in Erz vor der National Academy of Science (NAS) in Washington.
Albert Einstein in Erz vor der National Academy of Science (NAS) in Washington. – (c) Martin Kugler

In welchem Zustand ist die Wissenschaft in den USA – nach zwei Jahren, in denen diesem Bereich unter der Regierung von Präsident Donald Trump ein rauer Wind entgegenbläst? Rush Holt, Chef der AAAS (American Association for the Advancement of Science) und damit auch Herausgeber des Wissenschaftsmagazins „Science“, beantwortet die Frage mit Bezug auf ein Zitat von Charles Dickens: „It's the best of times, it's the worst of times.“ – Wir leben zugleich in der besten wie in der schlechtesten Zeit.

Auf der einen Seite erlebten wir, so Holt, eine fantastische Zeit, in der es in allen Wissenschaftsdisziplinen umwälzende Fortschritte gebe. Und: „Die meisten Ängste beim Wechsel der Präsidentschaft haben sich als unbegründet herausgestellt“, sagte er in der Vorwoche im Gespräch mit österreichischen Journalisten. Das Weiße Haus wollte zwar Budgets kürzen, doch der Kongress widersetzte sich, sodass es in vielen Disziplinen sogar Steigerungen gab – etwa im Gesundheits-, Energie- oder Verteidigungsbereich. Dabei zeigte sich einmal mehr, dass Wissenschaft im politischen System der USA hohe Priorität hat – was sich u. a. auch in der wunderbaren, etwa dreieinhalb Meter hohen Einstein-Statue an prominenter Stelle an der Washingtoner Mall zeigt. Von Problemen bei der Forschungsfinanzierung berichten nur Klimaforscher; sie behelfen sich damit, Klimaprojekte nun mit „Energieforschung“ oder „Naturschutz“ zu betiteln.

 

Kampf gegen Fake News

Es gibt in Holts Augen – und in denen vieler anderer Experten – aber auch eine andere, eine sehr negative Seite: „Ich habe in meinem Leben niemals zuvor eine derartig große Missachtung von Fakten und eine Erosion der Anerkennung von Wissenschaft als Idee erlebt“, so der AAAS-Chef.

Das Ausmaß dieser Ignoranz mitsamt der rasanten Ausbreitung von Fake News entsetzt auch Marcia McNutt, die Präsidentin der National Academy of Science (NAS). Als Beitrag zur Bekämpfung von absichtlichen Falschmeldungen startet die NAS nun gemeinsam mit Google ein Pilotprojekt: „Wir wollen ,bad science‘ mit wirklicher Wissenschaft widersprechen“, so McNutt. Wissenschaftler schreiben dabei kurze Texte in verständlicher Sprache zu gerade im Internet aktuellen Themen, und der Internetgigant verpflichtet sich, diese Einträge ganz oben in den Suchresultaten zu listen.

 

Probleme mit Visa

Überdies spürt die Forschungs-Community eine zweite negative Entwicklung auf Schritt und Tritt: die Verschärfung von Visa-Bestimmungen. Häufig zitiert wird die Geschichte eines ausländischen Studenten, der seinen sterbenden Vater in der Heimat besuchte und dann nicht mehr in die USA einreisen durfte, um sein Forschungsprojekt beenden zu können.

Das Ergebnis dieser Entwicklungen ist ein schlechtes Klima in der Forschungscommunity, das u. a. dazu führte, dass erstmals seit einem halben Jahrhundert die Zahl der ausländischen Studenten gesunken ist – in manchen Bereichen sogar um mehr als zehn Prozent. Das bereitet vielen Experten große Sorgen, denn die hochtalentierten jungen Forscher aus aller Welt sind nicht nur ein wesentliches Rückgrat des US-Wissenschaftssystems; sie sind auch für fast die Hälfte aller Start-up-Unternehmen, etwa im Silicon Valley, verantwortlich.

 

Österreichs Diaspora

Auch österreichische Wissenschaftler in den USA berichteten beim heurigen „Austrian Research and Innovation Talk“ (Arit) in Washington von solchen Problemen – aber noch mehr davon, wie gut die sonstigen Rahmenbedingungen sind, unter denen man sich in den USA der Forschung hingeben kann. Beim „Office of Science and Technology“ (Osta) an der österreichischen Botschaft in Washington sind rund 3000 Forscher registriert, von denen rund 150 alljährlich zu einem Treffen anreisen. Ziel der Arit, die heuer schon zum 15. Mal stattfand, ist es, eine wissenschaftliche Brücke zwischen Österreich und Nordamerika zu bauen sowie Informationen über Entwicklungen in Österreich an die „Wissenschaftsdiaspora“ weiterzugeben (um vielleicht den einen oder die andere zu einer Rückkehr zu bewegen).

Regional betreibt der Verein ASciNA – Austrian Scientists and Scholars in North America zwölf „Chapters“ in den wichtigsten Wissenschaftszentren in den USA, Kanada und Mexiko. ASciNA organisiert in Kooperation mit österreichischen Universitäten Mentoring-Programme und vergibt alljährlich Preise für österreichische Forscher in Nordamerika(s. Artikel unten).

LEXIKON

Beim Arit (Austrian Research and Innovation Talk) treffen sich seit
15 Jahren alljährlich die österreichische Wissenschaftsdiaspora in Nordamerika und eine hochrangige Delegation aus Österreich – heuer erstmals unter der Führung des Wissenschaftsministers. Mit dabei sind u. a. Spitzenvertreter von Universitäten, des Wissenschaftsfonds FWF und von Forschungsorganisationen wie etwa des Austrian Institute of Technology (AIT) oder der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft.

Compliance-Hinweis:
Die Reise nach Washington erfolgte auf Einladung des Austrian Institute of Technology (AIT).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2018)

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