Genmuster für Treue?

Sie hätten ein für Monogamie typisches Muster der Genexpression im männlichen Säugetierhirn entdeckt, sagen US-Forscher.

CHINA-GENETICS-DEMOGRAPHICS-DNA
CHINA-GENETICS-DEMOGRAPHICS-DNA
Themenbild: Genetik – (c) APA/AFP/GREG BAKER

Wie die meisten Mäuse leben die Hirschmäuse der Art Peromyscus maniculatus ziemlich promiskuitiv, die Männchen kümmern sich kaum um ihren Nachwuchs. Ganz anders die Mäuse der nahe verwandten, ebenfalls in Nordamerika heimischen Art Peromyscus californicus: Sie bilden Paare, die die Jungen gemeinsam aufziehen.

So unterschiedliches Fortpflanzungsverhalten bei nahe verwandten Arten kommt nicht nur bei Säugetieren, sondern in fast allen Klassen der Wirbeltiere vor, bei Fischen, Amphibien und Vögeln. Monogame Arten haben sich eben öfter unabhängig voneinander aus nicht monogamen Vorfahren entwickelt, man nennt das konvergente Evolution. Wie immer bei dieser drängt sich die Frage auf: Liegen den gleichen Verhaltensweisen trotz der großen evolutionären Distanz – die letzten gemeinsamen Vorfahren aller heutigen Wirbeltiere lebten vor 450 Millionen Jahren – ähnliche genetische Veränderungen zugrunde? Im speziellen Fall: Gibt es sozusagen ganz bestimmte Gene, an denen die Evolution ansetzen muss, um aus untreuen Tieren treue zu machen?

Das untersuchten Biologen der University of Texas in Austin an fünf Paaren von Arten, wobei jeweils eine monogam und die andere promiskuitiv lebt: Hirschmaus/kalifornische Maus, Heckenbraunelle/Strandpieper, je zwei Arten von Feldmäusen, Buntbarschen und Pfeilgiftfröschen. Analysiert wurde die Gen-Expression im Hirn der Männchen. Ergebnis: Es gibt ein gemeinsames Muster. Unter den Genen, die jeweils in den monogamen Arten stärker exprimiert werden, sind etwa solche für Entwicklung der Neuronen, für Lernen und Gedächtnis; weniger aktiv sind Gene für Gentranskription und für Rezeptoren für Glutamat (das ja nicht nur Geschmacksstoff, sondern vor allem Nervenbotenstoff ist).

 

Ein Fall von Genjägerlatein

Enttäuschend ist, dass just Gene, die offensichtlich mit Monogamie zu tun haben könnten, in der Liste fehlen, etwa solche, die das Hormon Oxytocin betreffen, das – wie man etwa von den Feldmäusen weiß – wohl auch bei der Paarbindung eine Rolle spielt. Das heiße nicht, dass diese Gene nicht für die Regulierung monogamen Verhaltens wichtig wären, schreiben die Forscher in Pnas (7. 1.), wahrscheinlich sei ihre Analyse zu grob. Trotzdem behaupten sie in einer Aussendung stolz, sie hätten die „allgemeine evolutionäre Formel, die zu Paarbindung führt“, gefunden. Das darf man wohl als Genjägerlatein belächeln . . . (tk)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2019)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgekauft
    Meistgelesen
      Kommentar zu Artikel:

      Genmuster für Treue?

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.