Das Hirn der Frauen ist um drei Jahre jünger

Neurowissenschaftler in St. Louis fanden einen erstaunlichen Geschlechterunterschied.

(c) REUTERS (Brian Snyder)

„Ein Mann um die Dreißig erscheint als ein jugendliches, eher unfertiges Individuum“, erklärte Sigmund Freud: „Eine Frau um die gleiche Lebenszeit aber erschreckt uns häufig durch ihre psychische Starrheit und Unveränderlichkeit.“

Dieses Zitat aus „Die Weiblichkeit“ (1933), einer der „neuen Vorlesungen“ Freuds, illustriert erstens, wie zeit- und milieugebunden scheinbar objektive Beobachtungen der Psychoanalyse sind. Zweitens kann man heute ohne viel Übertreibung sagen: Das Gegenteil ist wahr. Frauen bleiben geistig länger jung. Das zeigt sich in kognitiven Tests, aber auch in Hirnmessungen. „Das typische weibliche Hirn ist im ganzen Erwachsenenleben jugendlicher als das männliche“, schreiben Neurowissenschaftler um Manu Goyal (Washington University, St. Louis) in Pnas (4. 2.). Sie schließen das aus Messungen der Verarbeitung von Glucose (Traubenzucker) im Hirn.

 

Das alte Hirn verbrennt den Zucker

Bei jungen Menschen wird Glucose tendenziell eher in einem Prozess namens aerobe Glycolyse verarbeitet. Mit steigendem Alter wird ein immer größerer Anteil der Glucose zur Energiegewinnung oxidiert, wobei der Anteil von der Hirnregion abhängt. Die Forscher verwendeten nun ein Computerprogramm, das – Achtung, zuckerfreie künstliche Intelligenz! – durch viel Übungsbeispiele lernt, von Messungen der Muster des Hirnstoffwechsels auf das Alter einer Person zu schließen. Erst trainierten sie das Programm auf Männer und wandten es dann auf Frauen an. Ergebnis: Es schätzte die Frauen im Durchschnitt um 3,8 Jahre zu jung. Dann machten sie es zur Probe umgekehrt, eichten mit Frauen und maßen dann Männer. Ergebnis: durchschnittlich um 2,4 Jahre zu viel.

Das könne auch kognitive Unterschiede zwischen gleich alten Frauen und Männer erklären, meinen die Forscher. Schließlich sei die aerobe Glycolyse für Lernen und Wachstum der Neuriten (Fortsätze der Nervenzellen) wichtig.

Woher kommt dieses langsamere Altern der Frauenhirne? Hat es damit zu tun, dass Frauen im Durchschnitt älter werden als Männer? Sind die Hormone schuld? Das könnte sein, meinen die Forscher: Die Muster der Hirndurchblutung ändern sich bei Männern in der Pubertät stärker. Das deute darauf hin, dass Frauen das Erwachsenenleben mit einem „jüngeren“ Hirnstoffwechsel beginnen als Männer. Im Durchschnitt, wohlgemerkt. Unterschiede im Hirnstoffwechsel zwischen Personen gleichen Geschlechts und Alters können viel größer sein als der durchschnittliche Geschlechterunterschied. Dieser ist hier auch deutlich geringer als etwa jener in der Körpergröße.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2019)

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