Ein Bio-Apfel bringt keine Pluspunkte

„In die Karibik zu jetten, bedeutet eine große Belastung für die Umwelt, egal wie viele fleischfreie Freitage man dafür einhält“: Im Engagement gegen den Klimawandel auf menschliche Moral zu setzen, bringe wenig, meinen Forscher.

Apples are seen at RAJPOJ company, near Grojec
Apples are seen at RAJPOJ company, near Grojec
Äpfel in einer polnischen Fabrik – REUTERS

„What have they done to the earth?“, fragte Jim Morrison: „What have they done to our fair sister?“ Verwüstet und geplündert und zerrissen und gebissen hätten wir sie, antwortete er selbst. Das war im Doors-Song „When The Music's Over“, 1967. Jahrzehnte später hat sich diese Bilderwelt durchgesetzt: Nicht nur ausgewiesene Grüne reden vom Planeten wie von einem Menschen, den wir verletzt hätten und nun retten müssten. Vom „Schrei der Erde, verletzt und verwundet“ sprach Papst Franziskus unlängst.

Diese Metaphorik mag menschlich sein, aber sie schade mehr, als sie nützt, meinen Patrik Sörqvist und Linda Langeborg von der Universität in Gävle (Schweden) in Frontiers in Psychology (4. 3.). Denn wenn wir die Umwelt – „den Planeten“ – wie eine Person betrachten, bedeutet das, dass wir sie auch so zu behandeln versuchen. Und wir haben im Lauf der Evolution gelernt, dass soziale Beziehungen auf Reziprozität beruhen, auf einem Wechselspiel von Geben und Nehmen. Wenn wir jemanden beleidigt oder übervorteilt haben, versuchen wir, ihn zu versöhnen, indem wir ihm das nächste Mal besonders generös entgegenkommen. Christlich ausgedrückt: Wir bekennen unsere Schuld und tun Buße dafür.

Genau diese Denkart steht hinter dem Konzept der Kompensation von „Klimasünden“. Und sie funktioniere nicht, meint Sörqvist: „Man kann sich mit der Umwelt nicht mit einem Kuss wieder versöhnen. In die Karibik zu jetten, bedeutet eine große Belastung für die Umwelt, egal wie viele fleischfreie Freitage man dafür einhält.“ Die Werbewirtschaft hat sich längst auf eine Schuld-und-Sühne-Interpretation der Ökologie eingestellt: Wenn sie mit „Öko-Punkten“ wirbt oder „umweltfreundliche“ Produkte verkauft, impliziert sie, dass man sich nach Erwerb dafür einige „Öko-Sünden“ leisten könne. Mehr noch: Unter dem Titel „Do Green Products Make Us Better People?“ zeigten Nina Mazar und Chen-Bo Zhong schon 2010 in Psychological Science das Gegenteil: Wenn Menschen soeben „grüne Produkte“ gekauft haben, handeln sie weniger altruistisch und neigen eher zum Betrügen und Stehlen, als wenn sie entsprechende Waren ohne ökologisches Leumundszeugnis erstanden haben.

Weniger dick auftragen

Ein häufiges Missverständnis bei vermeintlichen moralischen Kompensationsgeschäften mit der Umwelt: Man empfindet Produkte oder Handlungsweisen, die diese vergleichsweise weniger belasten, so als ob sie ihr nützen würden. Menschen glauben etwa intuitiv, dass der Konsum eines Hamburgers die Umwelt weniger belastet, wenn sie dazu auch einen Bio-Apfel kaufen. Am besten für die Umwelt wäre es aber, wenn wir insgesamt weniger konsumieren, betont Sörqvist.

Heißt das, dass wir von nun an bei jedem Einkauf – und überhaupt bei jeder Wechselwirkung mit der Umwelt – ein schlechtes Gewissen haben sollten? Nein, wir sollten eher versuchen, die Kategorien „gut“ und „böse“, die sich im Umgang mit Mitmenschen durchaus bewährt haben, im Umgang mit der Umwelt weniger zu strapazieren. Weniger dick aufzutragen würde auch gegen den „Vogel-Strauß-Effekt“ wirken, also vermeiden, dass die allzu händeringend Gewarnten die Mahnung tunlichst verdrängen, meinen Sörqvist und Langeborg. Und sie geben einen konkreten Tipp: Statt „Öko-Punkte“ zu verteilen, sollten in Supermärkten für möglichst viele Produkte der geschätzte CO2-Fußabdruck angegeben werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2019)

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