Welthandel bedroht die Artenvielfalt

Die Rinderzucht ist zu einem Drittel für den Rückgang der Biodiversität - vor allem in den Tropen - verantwortlich.

Wenn man einen Burger mit Fleisch von Rindern von südamerikanischen Weiden isst, schädigt man dort die Umwelt: Damit die Tiere dort weiden konnten, wurden Wälder gerodet.
Wenn man einen Burger mit Fleisch von Rindern von südamerikanischen Weiden isst, schädigt man dort die Umwelt: Damit die Tiere dort weiden konnten, wurden Wälder gerodet.
Wenn man einen Burger mit Fleisch von Rindern von südamerikanischen Weiden isst, schädigt man dort die Umwelt: Damit die Tiere dort weiden konnten, wurden Wälder gerodet. – (c) REUTERS (David Gray)

Der Kauf vieler Nahrungsmittel beeinflusst die Natur in der Ferne. Für einen Hamburger etwa werden Rinder geschlachtet, die auf südamerikanischen Weiden stehen oder in hiesigen Ställen mit Soja aus Südamerika gefüttert werden. Dafür werden dort Wälder gerodet, die ursprüngliche Artenvielfalt wird zerstört. Telekonnektion lautet der Fachausdruck für diese indirekte Verantwortung des Welthandels für Umweltauswirkungen anderswo. Ein internationales Forschungsteam mit österreichischer Beteiligung von der Boku Wien hat untersucht, welche Auswirkungen die Land- und Forstwirtschaft hier wie dort auf Artenvielfalt und Ökosystemfunktionen hat.

Ruinöse Ernährungsweise

Ihr ernüchterndes Fazit im Fachmagazin Nature Ecology and Evolution: Das Wachstum der globalen Wirtschaft und der Bevölkerung zerstört die biologische Vielfalt und die Ökosystemleistungen vor allem in Mittel- und Südamerika. Durch Telekonnektionen haben die reichen Industrieländer in Europa und Nordamerika in jüngster Zeit 90 Prozent der Umweltschäden, die durch ihren Nahrungsmittelkonsum entstehen, in andere Weltregionen ausgelagert.

Die Folgen sind desaströs: Die Studie zeigt, dass sich die Zahl der durch Landnutzung vom Aussterben bedrohten Vogelarten zwischen 2000 und 2011 um bis zu sieben Prozent erhöht hat. Der Verlust der Artenvielfalt fand fast vollständig in den Tropen statt. Zu einem Drittel war dafür die Rinderzucht verantwortlich. Zusätzlich werde, so die Forscher und Forscherinnen, die verbleibende Artenvielfalt durch Pestizid- und Düngereinsatz weiter belastet. Im selben Zeitraum verlor der Planet zudem sechs Prozent seines Potenzials, CO2 aus der Luft zu binden, da die Vegetation auf den neu entstandenen Agrarflächen nicht so viel Kohlenstoff einlagern kann wie in den ursprünglichen Ökosystemen.

„Unsere Ergebnisse zeigen klar: Es ist nicht entweder der Norden oder der Süden, der den Biodiversitätsverlust durch Konsum zu verantworten hat“, so Erstautorin Alexandra Marques (Universität Leiden, Niederlande). „Es sind beide, und Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum beschleunigen diesen Prozess.“ Das sollte in internationalen Naturschutzverhandlungen vermehrt berücksichtigt werden.

Wandel von Klima und Biodiversität gemeinsam denken

„Positive Signale zeigen sich darin, dass alle Weltregionen effizienter wurden, das heißt, die Umweltschäden pro erwirtschafteten Dollar haben abgenommen. Allerdings wachsen Bevölkerung und Wirtschaft zu schnell, als dass sich diese Effizienzgewinne positiv auswirken könnten“, resümiert Nina Eisenmenger, Leiterin des Teams am Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur Wien. Bevölkerung und Wirtschaft wachsen einfach noch schneller als die Umwelteinflüsse der Landwirtschaft sinken. Die Zerstörung der Biodiversität und der Verlust der Ökosystemleistungen schreiten also weiterhin voran.

„Ein notwendiges Ziel zur Erhaltung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen wäre, dass alle UN-Mitgliedsstaaten ihre Wirtschaftspolitik so gestalten, dass Umweltauswirkungen des Konsums in andern Weltregionen minimiert werden. Dies betrifft vor allem jene Staaten, deren Fernauswirkungen die im eigenen Land übersteigen. Nachhaltige Land- und Forstwirtschaft muss darüber hinaus in allen Weltregionen gefördert werden“, so Karlheinz Erb, Leiter des Themenfeldes Landnutzung am BOKU-Institut für Soziale Ökologie. Eine wirksame Umweltpolitik müsse den Klimawandel und den Wandel der biologischen Vielfalt gemeinsam denken, sind sich die Forscher und Forscherinnen einig. (cog/APA)

Publikation: Increasing impacts of land use on biodiversity and carbon sequestration driven by population and economic growth (Nature Ecology and Evolution ; 4.3.2019)


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2019)

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