Der Klimawandel befeuert die globale Ungleichheit

Eine brisante Stanford-Studie: Da (sub-)tropische Länder am stärksten unter dem Klimawandel leiden, nördliche aber profitieren, gehe die Schere zwischen reichsten und ärmsten Staaten auseinander. Zu den Gewinnern gehöre bisher Österreich. Basis sind harte Vergangenheitsdaten.

Ein Thema, das immer mehr Menschen beschäftigt: Der Klimawandel und die globale Ungleichheit.
Ein Thema, das immer mehr Menschen beschäftigt: Der Klimawandel und die globale Ungleichheit.
Ein Thema, das immer mehr Menschen beschäftigt: Der Klimawandel und die globale Ungleichheit. – (c) Reuters

Beim Klimawandel geht es nicht mit gerechten Dingen zu. Das Verbrennen fossiler Energie hat in der Vergangenheit vor allem das Wachstum höher entwickelter Volkswirtschaften befeuert, die Folgen müssen nun alle tragen. Arme Staaten haben weniger Mittel, um sich gegen Gefahren abzusichern, etwa durch den Bau von Deichen oder die Züchtung dürreresistenter Pflanzen. Diese Schieflage ist ein fixes Streitthema bei Klimakonferenzen. Es erhält nun starken Zündstoff durch eine Studie zweier Professoren der Uni Stanford (Pnas, 22. 4.).

Ihr Fazit: Die ökonomische Ungleichheit zwischen Staaten verschärfe sich durch den Klimawandel deutlich. Die Basis dafür sind nicht unsichere Prognosen, sondern vergleichsweise harte Daten der Vergangenheit. Schon im letzten halben Jahrhundert habe die vom Menschen verursachte Erderwärmung die Kluft bei den Pro-Kopf-Einkommen zwischen den zehn Prozent der Weltbevölkerung, die in den ärmsten Ländern leben, und den zehn Prozent, die in den reichsten leben, um 25 Prozent vergrößert.

 

Bremse im Kampf gegen die Armut

Wie passt das zu dem bekannten Befund, dass weltweit die Ungleichheit zwischen den Ländern im selben Zeitraum stark zurückgegangen ist? Im globalen Kontext hätte der Kampf gegen die Armut ohne Klimawandel noch viel erfolgreicher sein können. Allerdings fanden die Siege vor allem in China und anderen südostasiatischen Schwellenländern statt, die schon früher nicht zu den allerärmsten Staaten gehörten. Diese lagen und liegen großteils im (sub-)tropischen Teil Afrikas. Dort, so die Studie, finde man auch die großen Verlierer des Klimawandels, zusammen mit Indien, Brasilien und Kolumbien. Ein Beispiel: In Nigeria sei das BIP pro Kopf von 2010 durch die Folgen der Erderwärmung seit 1961 um 29 Prozent niedriger ausgefallen als ohne sie. In der Tendenz haben das schon andere Forscher vermutet, neu ist das Ausmaß. In China und den USA, Ländern mit großteils moderatem Klima, seien die ökonomischen Folgen der Erderwärmung hingegen bisher vernachlässigbar. Besonders überrascht, wie stark laut Studienautoren nördliche Länder unserer Hemisphäre (Kanada, skandinavische Staaten, Russland) von ihr profitieren. Den minus 29 Prozent des Nigerianers stehen plus 34 Prozent für den mittleren Norweger gegenüber.

Ist das plausibel? Auch Österreich soll klar zu den Profiteuren zählen. Hierzulande habe der Klimawandel im kürzeren Zeitraum 1991–2010 zu einem Wohlstandsgewinn von acht Prozent geführt. Das reale, inflationsbereinigte BIP pro Kopf wuchs in dieser Periode um 27 Prozent. Damit wäre das Wachstum zu rund einem Drittel der Erderwärmung zu verdanken. Das erscheint sehr viel. Wie kommt es zu den Werten?

Sie basieren auf einer früheren Studie des Ökonomen und Koautors Marshall Burke. Er untersuchte dabei für einzelne Länder die Auswirkungen von hohen Temperaturen in einem bestimmten Jahr auf das kurzfristige Wirtschaftswachstum.

Diese Ergebnisse hat der Klimaforscher Noah Diffenbaugh nun auf gängige Klimamodelle übertragen. Dass ein warmes Jahr Österreichs Wirtschaft in Summe guttut, ist plausibel: weniger Heizkosten (und damit weniger Importe von Erdgas und -öl), üppigere Ernte, mehr Bautätigkeit. Freilich ist der Effekt auf die Bauwirtschaft vorübergehend: Die Arbeiten werden in einen ungewöhnlich milden Winter verlegt. Sind aber durch den Klimawandel die meisten Winter mild, wird deshalb noch nicht auf längere Sicht insgesamt mehr gebaut. Hier könnte ein Denkfehler des Rechenmodells liegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.04.2019)

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