Wenn Historiker das Klima erklären

Die neue Zeitepoche macht nicht nur die Natur zum globalen Politikum, sie fordert auch die Ordnung der wissenschaftlichen Disziplinen heraus.

Die Ölgewinnung hinterlässt tiefe Wunden in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft (im Bild das verschmutzte Nigerdelta).
Die Ölgewinnung hinterlässt tiefe Wunden in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft (im Bild das verschmutzte Nigerdelta).
Die Ölgewinnung hinterlässt tiefe Wunden in der Natur ebenso wie in der Gesellschaft (im Bild das verschmutzte Nigerdelta). – (c) REUTERS (Ron Bousso)

Treibhausgase, Übersäuerung der Ozeane, Artensterben – der Mensch verändert die Natur nachhaltig. Das hat Konsequenzen für unser Klima. Was heute im kollektiven Bewusstsein angekommen ist und mit dessen Folgen sich ganze Forschungszweige beschäftigen, kann in seiner Genese auch an vielleicht unerwarteter Stelle nachgelesen werden. In alten Büchern. Es gibt eine lange Geschichte der philosophischen und literarischen Umweltreflexion angefangen von Johann Gottfried Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ über Adalbert Stifters „Bunte Steine“ bis hin zu Max Frischs „Der Mensch erscheint im Holozän“.

 

Raus aus der Komfortzone

Wurden Phänomene wie die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl von den Umweltbewegungen der 1980er-Jahre noch gemeinhin als lokale Phänomene behandelt, weiß man heute um die globalen Dimensionen der menschlichen Eingriffe in die Natur. So schlug der Chemienobelpreisträger Paul Crutzen im Jahr 2000 den Begriff „Anthropozän“ für eine neue Zeitepoche vor. Eine Zeitepoche, in der der Mensch selbst zu einer Naturgewalt und einem wichtigen Einflussfaktor auf biologische, geologische und atmosphärische Prozesse auf der Erde wird.

Der geochronologische Fachterminus für die ökologische Krise scheint prädestiniert für die Naturwissenschaften, die sich traditionell mit Umweltthemen auseinandersetzen. Doch das Anthropozän beschäftigt zunehmend auch Forscherinnen und Forscher der Geistes- und Sozialwissenschaften. „Wenn wir den Menschen als Teil des Erdsystems verstehen, dann müssen wir auch ihn selbst und sein Handeln ins Visier nehmen“, sagt die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Eva Horn von der Universität Wien. Gemeinsam mit dem Sedimentologen Michael Wagreich, ebenfalls Uni Wien, will sie hiesige Vertreterinnen und Vertreter der Naturwissenschaften und der Geisteswissenschaften an einen Tisch bringen. Ihr neu gegründetes Forschungsnetzwerk Vienna Anthropocene Network soll die Plattform dafür sein.

Horn und Wagreich glauben, dass die massiven Veränderungen auf der Erde die bekannte Ordnung der wissenschaftlichen Disziplinen herausfordern. „Es geht letztlich darum zu verstehen, warum in den vergangenen fünfzig Jahren in westlichen Gesellschaften sowie in China und Indien Konsum und Mobilität derart explodiert sind – und auf wessen Kosten“, so Horn. Antworten darauf können die Naturwissenschaften allein nicht liefern. Sie müssen zunächst in der Politologie und Soziologie gesucht werden. Geologie, Biologie, Ozeanologie und Klimaforschung zeichnen die Folgen des Klimawandels zwar akkurat nach. Um diesen wiederum auf globaler Ebene entgegenzuwirken, braucht es aber juristische und politische Instrumente. Die Philosophie liefert indes ethische Reflexionen. Gleichzeitig drängen Debatten um die Klimakrise naturwissenschaftliche Forscherinnen und Forscher aus ihrer Komfortzone. Sie werden damit konfrontiert, dass ihre Ergebnisse politisch sind.

 

Was Öl mit Freiheit zu tun hat

Wie konnte es überhaupt zum Anthropozän kommen? Auch nach den zivilisatorischen Schwellenmomenten muss in den Geisteswissenschaften gesucht werden. Eine These aus der Geschichtsforschung ist etwa, dass der erste Schritt in Richtung Anthropozän im 17. Jahrhundert mit dem Kolonialismus und der Errichtung von Plantagen, also der Etablierung von Monokulturen und Sklaverei, gemacht wurde. „Da wurden Dinge produziert, die vorher nicht produzierbar waren“, erklärt Horn. „Ein schreckliches Kapitel des Kolonialismus ist der Transfer von Krankheiten wie Pockenviren in die Neue Welt. Das ist ein ökologisch wichtiger Aspekt, den man nur umwelthistorisch rekonstruieren kann.“ Sie selbst untersucht das Verhältnis von Mensch und Natur in der Literatur: „Wie die Kunst hilft die Literatur uns, Veränderungen kulturell zu verstehen. Denken Sie nur an das Gefühl von Freiheit und Individualität, das amerikanische Roadmovies vermitteln. Dieses Gefühl basiert letztlich auf Erdöl.“

Im Vordergrund des Anthropozän-Netzwerks steht, die verschiedenen Blickwinkel zu erkennen, so Wagreich – er gehört auch der Anthropocene Working Group der internationalen geologischen Gesellschaft (IUGS) an, die sich für eine Formalisierung des Anthropozäns als erdgeschichtliche Epoche ausspricht. Im April fand nun die erste Konferenz des interdisziplinären Wiener Netzwerks statt. Eine Herausforderung dabei sind die heutzutage recht eng angelegten Fachdisziplinen. Wagreich: „Wir wollen wieder eine gemeinsame Sprache finden.“ Das habe gut geklappt. „Wir haben uns sehr produktiv verständigen können“, betont Horn. Das sei nicht selbstverständlich. Aktuelle Klimafragen hätten jedenfalls das Zeug, alte Gräben zu überbrücken: „Ich empfinde das als einen Paradigmenwechsel, der nicht die Fächer auflöst, aber ihre Borniertheit.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2019)

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