„Ein EEG für sich allein ist zu wenig“

Eine Salzburger Epilepsie-Forschungsgruppe leistet internationale Pionierarbeit in der Definition, Klassifikation und Diagnosestellung des Status epilepticus.

Salzburger Medizinern gelang es, das Erstauftreten lang anhaltender Epilepsieanfälle exakt zu bestimmen.
Salzburger Medizinern gelang es, das Erstauftreten lang anhaltender Epilepsieanfälle exakt zu bestimmen.
Salzburger Medizinern gelang es, das Erstauftreten lang anhaltender Epilepsieanfälle exakt zu bestimmen. – (c) REUTERS (MICHAELA REHLE)

Für Neurologen in Notfallambulanzen zählt es zur täglichen Routine, bei Menschen mit plötzlichen Bewegungseinschränkungen, Sprachstörungen oder Bewusstseinsausfällen die Ursachen raschestmöglich abzuklären. „Schlaganfall“ lautet oft die Diagnose. Allerdings können die genannten Symptome auch epileptisch bedingt sein, auch wenn sie nicht von jenem charakteristischen Krampfen und Zucken des ganzen Körpers begleitet sind, das der stärkste Ausdruck eines epileptischen Anfalles ist. Endet der Anfall nicht von selbst, wird von einem sogenannten Status epilepticus gesprochen.

Ein derartiger anhaltender epileptischer Anfall ohne herausragende („prominente“) motorische Phänomene wird in der Medizin als „nicht konvulsiver Status epilepticus“ bezeichnet. Ihn zu erkennen und zu diagnostizieren sei besonders für Krankenhäuser ohne spezialisierte Abteilungen oft schwierig, zumal dafür eine Untersuchung der Hirnströme (in der Fachsprache „Elektroenzephalografie“, kurz EEG) notwendig sei, sagt Markus Leitinger, Arzt und Forscher an der Neurologie-Abteilung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg.

 

Neue internationale Leitlinien

Leitinger gehört einer Arbeitsgruppe mit Schwerpunkt Epilepsie unter der Führung des Klinikvorstandes, Eugen Trinka, an. Der Neurologe hatte bereits 2015 durch die Neudefinition und Klassifikation aller Formen des Status epilepticus die Aufmerksamkeit der Fachwelt auf sich gezogen.

Kürzlich versuchten die Salzburger Forscher weltweit erstmalig, in einer eigenen Studie herauszufinden, wie verlässlich die Kriterien zur Diagnosestellung eines nicht konvulsiven Status bei Anwendung am Patienten sind. In internationaler Zusammenarbeit mit zwei dänischen Zentren legten sie eine umfassende Evaluierung der Diagnosekriterien vor, die im führenden Peer-Review-Fachjournal The Lancet Neurology veröffentlicht wurde. Ein Indikator für die Bedeutung dieser Studie ist unter anderem die Tatsache, dass derzeit die Amerikanische Klinisch-Neurophysiologische Gesellschaft (ACNS) prüft, ob die nun bewerteten Diagnosekriterien in die amerikanischen Leitlinien aufgenommen werden.

Die bereits 2015 neu gefasste Klassifikation erlaubt es, die für Planungen im Gesundheitssystem bedeutsame Häufigkeit des Erstauftretens („Inzidenz“) des nicht konvulsiven Status exakt zu bestimmen. Dies hänge damit zusammen, dass früher als ausschlaggebendes Kriterium für eine weitere Unterteilung die Bewusstseinsstörung des Patienten gegolten habe, heutzutage sei dagegen das Fehlen motorischer Störungen für die Diagnose des nicht konvulsiven Status entscheidend, so Leitinger. Ein klinisch wichtiger Parameter für diese Art des Status sei zudem die Fluktuation, also das wiederholte Stärker- und Schwächerwerden der Anfallssymptome ohne wesentliche Verbesserung. Erhole sich ein Patient mit Sprach- oder Bewusstseinsstörungen nicht innerhalb von zehn Minuten, seien Maßnahmen für die Durchführung eines EEGs zu treffen und – im Fall einer Bestätigung durch das EEG – die Therapie zu beginnen.

 

Daten aus dem Labor wichtig

Generell ist die Einbeziehung der klinischen Situation – der Beschwerden und Krankheitszeichen des Patienten – ein Punkt, durch den sich die erweiterten Salzburger Diagnose-Kriterien von bisherigen Leitlinien unterscheiden.

Insbesondere seien bei der Diagnose auch sogenannte paraklinische Daten aus Bildgebung und Labor zu berücksichtigen, sagt Leitinger. So können beispielsweise Nieren- und Leberwerte, die Computertomografie des Gehirns oder das Vergiftungslabor Erklärungen für das krankhafte EEG eines Patienten liefern. Zum Beispiel stelle sich das EEG bei einem Patienten mit massivem Flüssigkeitsmangel (etwa durch lang anhaltenden Durchfall) und dementsprechend angesammelten Giftstoffen oder auch bei einer Blutung im Hirnstamm ähnlich dar wie bei einem nicht konvulsiven Status epilepticus. Werde in diesem Fall fälschlich eine Statusdiagnose gestellt, die den entsprechenden „Großangriff“ mit Medikamenten gegen Anfälle bis hin zu Narkosemitteln nach sich ziehe, bedeute dies eventuell, „mit Kanonen auf Spatzen zu schießen“ und die Behandlung der eigentlichen Ursache zu verzögern, betont Leitinger.

Eine der Konsequenzen der erarbeiteten Richtlinien sei daher, sich nicht allein auf die für Neurophysiologen entscheidende EEG-Untersuchung zu verlassen, sondern sich bereits bei der Befundung eines EEGs die zusammenführende Funktion des Neurologen zunutze zu machen. „Das EEG ist zwar ein sehr wichtiger Baustein, für sich allein jedoch zu wenig, um eine Gesamtaussage zu treffen.“

Lexikon

Als Status epilepticus (SE) werden in der Neurologie ein außergewöhnlich langer epileptischer Anfall oder eine Serie von Anfällen ohne zwischenzeitliche Erholung bezeichnet. Ein SE verläuft entweder mit oder ohne begleitende herausragende („prominente“) motorische Symptome. Zur ersten SE-Form zählen konvulsive (an beiden Armen und Beinen anspannend und zuckend), myoklone (Zuckungen), fokal motorische, tonische (anspannende) und hyperkinetische (Bewegungsmuster zeigende) SE.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2019)

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