Der Fluch des Ackers: Weniger Freizeit

Eine Studie auf den Philippinen zeigt: Der Übergang zur Landwirtschaft erhöht die Arbeitszeit.

„Verflucht sei der Acker“, sagt Gott zu Adam: „Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.“ Tatsächlich habe die Einführung der Landwirtschaft (in verschiedenen Regionen zu verschiedenen Zeiten, im Nahen Osten vor ca. 11.000 Jahren) einen Fluch bedeutet, befand Biologe Jared Diamond 1988: Sie habe uns Fehlernährung, Seuchen, Herrschaft und Ausbeutung gebracht.

Diamond stützte sich u. a. auf Marshall Sahlins, der in „Stone Age Economics“ (1972) erklärt hatte, dass Jäger und Sammler viel mehr Freizeit (gehabt) hätten, er sprach von der „ursprünglichen Überflussgesellschaft“. Wobei sich fragt, wie unsere heutige Vorstellung von Arbeit und Freizeit auf eine altsteinzeitliche Gesellschaft passt. Und wie man in einer solchen die Arbeitszeit misst.

Forscher um Mark Dyble (Uni Cambridge) beobachteten den Tagesablauf von 360 Agta, das sind Menschen in den Bergen der philippinischen Insel Luzon, die teilweise noch halbnomadisch als Jäger und Sammler leben. Auch ihre Kultur ist freilich dem Druck der umliegenden Zivilisation ausgesetzt, vorangetrieben durch Bergbau und Rodung, in manchen Agta-Gemeinschaften arbeiten bereits viele in der Landwirtschaft. Dieser Fortschritt verringert die Freizeit deutlich, und zwar vor allem für die Frauen: Ihr Aufwand für Haushalt und Kinderbetreuung bleibt annähernd gleich – zu diesen Aufgaben tragen sie mehr bei als die Männer –, aber sie arbeiten mehr außerhalb des Lagers. Das könnte auch an kulturellen Normen liegen: Jagen und Fischen werden als Männersache gesehen, zusätzliche landwirtschaftliche Arbeit wird dann eher den Frauen zugemutet. Sie beschränkt sich jedenfalls auf ca. 30 Stunden pro Woche, Jäger und Sammler widmen sich gar nur 20 Stunden dem Nahrungserwerb.

Diese Ergebnisse seien in der heutigen Umweltkrise besonders interessant, kommentiert die Zeitschrift Nature Human Behaviour (20. 5.): „Vielleicht sollten wir auf prähistorische Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zurückblicken, um zu lernen, wie man seine materiellen Bedürfnisse beschränkt, und nebstbei ein wenig Freizeit zurückzugewinnen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2019)

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