Christian Köberl: "Das Museum ist keine Grottenbahn"

Der Astronom Christian Köberl (50) wird ab 1. Juni neuer Direktor des Naturhistorischen Museums. Wie er dieses zu einem modernen Haus machen will erzählt er der "Presse am Sonntag".

Christian Koeberl Museum keine
Christian Koeberl Museum keine
Köberl – (c) Clemens Fabry

Sie sind Impact-Forscher: Was halten Sie von den Hollywood-Filmen über Meteoriteneinschläge und deren Folgen?

Christian Köberl: Wenig. Es gibt eigentlich nur einen Film, von dem ich finde, dass er fünf brauchbare Minuten enthält, das ist „Deep Impact“. Der Einschlag ist sehr realistisch simuliert. Der Rest des Films ist für einen Filmliebhaber eher uninteressant, und überhaupt ziehe ich Filme von Bergman, Antonioni, Fellini, Pasolini oder Stanley Kubrick vor.

 

Mögen Sie überhaupt Science-Fiction-Filme?

Es gibt einen Film von Andrei Tarkovsky, den ich sehr schätze: „Solaris“ nach einem Buch von Stanisław Lem. Er handelt von einem Ozean, der sich wie ein riesiges Gehirn verhält und allen Menschen in seinem Einflussbereich die tiefsten Schuldgefühle einflößt. Ein Psychologe etwa wacht auf und an seinem Bett sitzt seine Frau, die vor ein paar Jahren Selbstmord begangen hat. Er liebt sie – aber dann versucht er, sie loszuwerden, weil ihm die Konfrontation mit seiner Schuld lästig wird. In einem anderen Teil des Films wird gesagt: Wir suchen eigentlich kein Leben im Weltall: Wir suchen einen Spiegel.

 

Finden Sie das auch, dass wir Menschen einen Spiegel suchen?

Ja, davon bin ich überzeugt: Wir sind ja gar nicht imstande, etwas Fremdes zu erkennen. Man muss die Reaktionen der Leute nur beobachten. Die Art, wie wir auf Menschen aus anderen Ländern reagieren, ist schon sehr arrogant. Und wenn wir verreisen, sind wir nicht besser. Wie sagte doch der Qualtinger: „Ich möchte mein Schnitzel haben und nicht so ein Scheheraraschi.“ Wobei das ja nicht nur für uns Österreicher gilt: Die Russen mögen keine Afrikaner und die Amerikaner mögen keine Mexikaner und die Franzosen mögen überhaupt niemanden – aber solange wir uns Ausländern gegenüber so verhalten: Ja, was glauben wir denn, was passieren würde, wenn wir wirklich auf intelligentes Leben im All stießen?

 

Stephen Hawking hat gerade davor gewarnt, mit Außerirdischen Kontakt aufzunehmen – glauben Sie, dass es das überhaupt gibt, außerirdisches Leben?

Es wird immer wahrscheinlicher. Früher hieß es, Planeten seien etwas außerordentlich Seltenes. Heute weiß man: Es gibt sie rund um alle anderen Sterne auch. Jetzt sagt man: Aber die Planeten, die wir gefunden haben, sind zu groß! Nun: Das hängt damit zusammen, dass die Methode, mit der wir suchen, nicht empfindlich genug ist, um kleinere aufzuspüren...

 

Anton Zeilinger hat einmal gemeint, es sei sehr unwahrscheinlich, dass dieses Universum überhaupt existiert. Dass die Naturkonstanten sind, wie sie sind?

Es ist nicht unwahrscheinlich, wenn ich annehme, dass auch das Universum Ergebnis einer Evolution ist. Das, was funktioniert, überlebt: Unser Universum hat überlebt. Natürlich könnte es einen Gott geben, der die Naturkonstanten so geschaffen hat, dass unser Universum, unser Sonnensystem, dass Leben auf der Erde möglich ist. Aber ich sehe die Notwendigkeit nicht. Ich habe mit der Religion außerdem noch ein Problem: Mir fehlt der freie Wille. Was jemand glaubt oder nicht, ist zu stark von gesellschaftlichem Druck und von geografischen Gegebenheiten abhängig.

 

Was macht einen guten Wissenschaftler aus? Oder anders: Was treibt Wissenschaft weiter und was steht ihr im Weg?

Ich möchte das gerne mit einem Beispiel aus meinem Fachbereich erklären: Schon Galilei hat den Mond beobachtet und erkannt, dass das da auf der Oberfläche Krater sein müssen – und keine Berge! Das konnte er dem Schattenverlauf entnehmen. Im 17. Jahrhundert hat Robert Hooke dann Steine auf eine schlammige Oberfläche geworfen – und das Ergebnis sah genauso aus wie die Krater auf dem Mond. Aber, folgerte er weiter, das kann nicht sein, es kann nichts auf dem Mond aufgeschlagen sein, immerhin galt zu der Zeit, um 1660, der interplanetare Raum als leer! Erst 1801 wurde der erste Kleinplanet gefunden und spätestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts ist klar, dass das Weltall nicht leer ist. Man hätte also erkennen können, dass es sich bei den Kratern um die Folge von Einschlägen handelt. Aber die Erklärung, die Krater seien vulkanischen Ursprungs, hatte sich über 250 Jahre lang festgesetzt. Es brauchte mehrere Anläufe, um sie zu widerlegen. Weil man sagte: Das gibt es nicht. Weil die einzelnen Disziplinen nebeneinander her arbeiteten und nicht kommunizierten. Weil man arrogant war und zum Beispiel Anfang des 20. Jahrhunderts Ernst Öpiks Beitrag in einem kleinen estnischen Astronomiemagazin nicht ernst nehmen wollte. Darum musste man das Rad mehrmals erfinden. Aber um eines klarzustellen: Robert Hooke, der Steine in den Schlamm warf, war kein schlechter Wissenschaftler, auch wenn er letztendlich falschlag. Er ging vom Erkenntnisstand seiner Zeit aus und zog eine damals korrekte Schlussfolgerung.

 

Ein schlechter Wissenschaftler ist also der, der an einer Theorie festhält, obwohl neue Fakten diese infrage stellen?

Das ist eine sehr menschliche Eigenschaft. Wenn Menschen viel Zeit und viel Prestige investiert haben in eine Idee, fällt es ihnen schwer, sich von ihr abzuwenden. Konrad Adenauer hat einmal gesagt: „Es hindert mich nichts daran, klüger zu werden.“ Das gilt auch in der Wissenschaft. Wir forschen ja nicht, um den Status quo zu zementieren, sondern wir forschen, weil wir Antworten auf wichtige Fragen suchen, die vielleicht unser ganzes Weltbild ändern.

 

Wo sehen Sie diese Möglichkeiten am ehesten in Ihrem Fachgebiet?

Mein Gebiet hat sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert. Als ich zu studieren begonnen habe, war noch keine Rede davon, dass das Aussterben der Dinosaurier mit einem Meteoriten zu tun haben könnte. Dann folgten 20 Jahre Kampf, um die Theorie durchzusetzen. Auch die allgemeine Planetenforschung hat sich dramatisch verändert: Wir haben Mondproben, wir haben auch Marsproben in Form von Marsmeteoriten zur Verfügung. Raumsonden funken jeden Tag unglaubliche Daten und Bilder von fast allen Planeten des Sonnensystems auf die Erde. Wir befinden uns am Beginn einer Revolution. Man wusste zwar schon längere Zeit, dass der Saturnmond Titan eine Atmosphäre hat. Was man aber nicht erwartet hat, ist, dass es dort Seen gibt, die so groß sind wie das Mittelmeer und aus Kohlenwasserstoffen bestehen. Es gibt einen Kreislauf, der nicht auf Wasser basiert, sondern auf flüssigen Kohlenwasserstoffen! Das hätte man sich früher nie träumen lassen! Oder der Neptunmond Triton: Auf ihm wurden Geysire mit flüssigem Stickstoff entdeckt. Da herrschen Temperaturen von fast minus 200 Grad.

 

Sie übernehmen am 1. Juni das Naturhistorische Museum. Ich denke mit Schrecken daran, wie ich mit meiner Tochter durch Reihen ausgestopfter Tiere spaziert bin – die noch dazu völlig unsystematisch aufgestellt und mangelhaft beschriftet waren.

Bis jetzt sieht das Museum ja eher so aus, als wollte man den Besuchern zeigen, wie ein Museum zur Zeit der Habsburger ausgeschaut hat. Ein Museum eines Museums sozusagen. Ich glaube, es kommt nicht von ungefähr, dass mit mir ein aktiver Wissenschaftler an die Spitze des Hauses geholt wurde. Es geht darum, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Forschung zu schaffen. Da gibt es diesen Spruch: Hätten wir die Entwicklung des Lichts den Ingenieuren überlassen, hätten wir jetzt die perfekte Öllampe, aber kein elektrisches Licht. Ohne Grundlagenforschung bleiben wir stehen. Darum sollte die Gesellschaft nicht dauernd fragen: Was nutzt das? Was bringt das? Wie kann man das verwenden? Das weiß ich vielleicht erst in 100 Jahren! Aber eines weiß ich: dass es ohne Grundlagenforschung nichts gäbe, was man anwenden könnte. Man könnte nur an der Öllampe weiterbasteln.

Und wie wollen Sie das vermitteln?

Man sagt immer, Steine seien langweilig. Aber das müssen sie nicht sein. Haben Sie gewusst, dass man für den Betrieb von Mobiltelefonen seltene Erden braucht? Da bekommt die Mineralogie sofort gesellschaftliche Relevanz! So ist es in vielen Gebieten – 100 Würmer nebeneinander sind fad. Aber ich kann erklären, welche von ihnen Parasiten sind und was sie anrichten. Ich kann Fische zeigen und dabei das Problem der Überfischung behandeln. Es ist wie in der Schule: Man soll keinen Wissensbrei füttern, sondern Schwerpunkte setzen.

Kinder ködert man am leichtesten mit Dinosauriern.

Es wird auch ein bewegliches Dinosauriermodell geben – aber das bleibt die Ausnahme. Das Museum ist schließlich keine Grottenbahn.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2010)

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