Von Täbris über Italien nach Wien

Das Leichentuch Rudolfs IV. steht seit 60 Jahren im Fokus der Forschung. Es bezeugt das politische Interesse des Habsburgers an der Politik Oberitaliens und die Wertschätzung aus dieser Region für den Herzog aus Wien.

Herzog Rudolf IV. wurde 1365 nach seinem Tod in ein kostbares Leichentuch eingenäht. Im Bild: der Hauptteil und die zwei Ärmelteile sowie ein Ausschnitt des arabischen Segensspruchs.
Herzog Rudolf IV. wurde 1365 nach seinem Tod in ein kostbares Leichentuch eingenäht. Im Bild: der Hauptteil und die zwei Ärmelteile sowie ein Ausschnitt des arabischen Segensspruchs.
Herzog Rudolf IV. wurde 1365 nach seinem Tod in ein kostbares Leichentuch eingenäht. Im – der Hauptteil und die zwei Ärmelteile sowie ein Ausschnitt des arabischen Segensspruchs. / Bild: Dommuseum Wien

Das Tuch aus golddurchwirkter Seide ist 173 x 90 cm groß, dazu kommen noch zwei kleinere Ärmelteile. Die drei Textilstücke repräsentieren einen immens hohen, aber nur schwer bezifferbaren Wert. Vor 654 Jahren wurde der in Mailand verstorbene Herzog Rudolf IV. mit diesem Stück Seide umhüllt. Über mehrere Stationen wurden die sterblichen Überreste des Habsburgers dann nach Wien gebracht.

Das Leichentuch, das sich heute im Dommuseum Wien befindet, ist sowohl ein Zeugnis der Herrschaftspolitik Rudolfs IV. als auch der seinerzeitigen Seidenstraße. Das Tuch selbst ist aus kostbarer chinesischer Seide gefertigt.

Der Habsburger eiferte in vielen Bereichen dem in Prag residierenden römisch-deutschen Kaiser Karl IV. – der zudem sein Schwiegervater war – nach. In der von Karl IV. erlassenen Goldenen Bulle, in der die Wahl des deutschen Königs durch sieben Kurfürsten geregelt war, blieben die Habsburger unberücksichtigt. Und der Schwiegersohn hob mit seinem Privilegium Maius – das aus gefälschten Urkunden bestand – die Wertigkeit seiner Länder hervor. In Prag leitete der deutsche Kaiser den Bau des Veitsdoms ein, in Wien initiierte Rudolf IV. den gotischen Ausbau der Stephanskirche. Der Gründung der ersten deutschen Universität 1348 in Prag folgte 1365 in Wien die zweite deutsche Universität.

Der Wirtschaftshistoriker Michael Mitterauer, emeritierter Ordinarius an der Uni Wien, lenkt den Blick auf die Außenpolitik, die letztlich in einer gewissen Verbindung mit dem Leichentuch steht. Im deutschen Reichsgebiet an den Rand gedrängt, verstärkt Rudolf IV. seine diplomatischen Verbindungen zu Oberitalien. Friaul wäre im Blickpunkt der Habsburger gestanden, so Mitterauer, und Rudolf wollte durch Bündnisse frühere Kontakte erneuern. Anfang des Jahres 1365 verheiratete er seinen jüngeren Bruder Leopold, den späteren Herzog der Steiermark, mit Viridis, der Tochter von Bernabò Visconti, dem Herrn von Mailand. Die Viscontis waren äußerst vermögend, jede ihrer zehn Töchter erhielt die enorme Summe von 100.000 Goldgulden als Mitgift.

 

Früher Tod in Mailand

Wenige Monate nach der Hochzeit war Rudolf IV. zu Besuch bei mehreren einflussreichen Fürsten in Oberitalien. Nach einem Aufenthalt in Verona traf er auch am Hof der Visconti in Mailand ein. Dort erkrankte der österreichische Herzog und verstarb am 27. Juli 1365 nach kurzer Krankheit, erst knapp 26 Jahre alt.

Die Konservierung des Leichnams erfolgte mit Rotwein, dann ließ Bernabò den toten Bundesgenossen in einen wertvollen Gold-Seide-Stoff hüllen. Rudolf wurde sodann – „cum maximo honore“, wie Mitterauer sagt – in der Mailänder Hauskirche der Visconti aufgebahrt. Erst nach der Sommerhitze brachte man den Leichnam nach Wien. Hier war damals ein derartiges Tuch nicht bekannt. Die historische Forschung spürt aber erst seit 60 Jahren der genaueren Herkunft des Tuchs nach.

Ein Schriftzug in arabischen Buchstaben liefert da wertvolle Hinweise. Mitterauer: „Die Schrift auf diesem Textil umfasst einen islamischen Segensspruch für einen Herrscher aus dem Haus der Ilchane, der 1316 bis 1335 über das Gebiet des heutigen Irak und Iran herrschte.“ Die Ilchane waren eine mongolische Dynastie, ihre Hauptstadt Täbris war zugleich eines der Zentren an den Routen der Seidenstraße. Die Stadt war ein Handelszentrum mit einer blühenden Seidenindustrie. Die Handelsroute führte nach Konstantinopel und weiter über den Seeweg zu den italienischen Hafenstädten. In Italien war seit dem Frühmittelalter wiederum die Stadt Lucca jenes kommerzielle Zentrum Oberitaliens, das nicht zuletzt durch seine Verbindung zu Täbris seine Handelsstellung mit wertvollen Seidenprodukten behaupten konnte.

Die Herkunft und der Weg des Tuchs aus chinesischer Seide dürften weitgehend geklärt sein. Derartige Luxusgüter waren aber in Europa nur in wenigen Fällen belegt. Der französische König Ludwig IX. erhielt im 13. Jahrhundert ein orientalisches Seidentuch als Geschenk, als Grabtücher fanden sich derartige Stoffe bei dem 1307 verstorbenen Herzog Rudolf II. von Steiermark und Österreich, bei einem Ratsherrn aus Mailand (gestorben 1329) und einem Mitglied des Hauses von Kastilien (gestorben 1333).

 

1933 aus dem Sarg entnommen

Das Leichengewand Rudolfs IV. ist im Wiener Dommuseum in einer klimatisierten Vitrine zu sehen. „Es ist wie ein Strampelanzug, der Herrscher wurde darin eingenäht“, sagt Katja Brandes vom Dommuseum. Der Kupfersarg im Stephansdom wurde unter Maria Theresia erstmals geöffnet, damals erachtete man aber das Schriftband als orientalisches Muster und nicht als Segensspruch. Bei einer zweiten Sarkophagöffnung 1933 hat man das Seidentuch entnommen und dem Dommuseum überantwortet. Die vergoldeten Silberfäden sind in den Stoff eingewebt. Diese aufwendige Technik nahm bis zu ein Jahr Zeit in Anspruch, so Brandes.

Im Saal von Rudolf IV. befinden sich mehrere Objekte aus der Zeit des Habsburgers, allem voran sein Porträt, das als Prototyp der neuzeitlichen Gattung eines Bildnisses gilt. Auf dem roten Samthut ist eine Krone abgebildet, die Rudolf als Herzog gar nicht tragen durfte. „Ein Siegel mit Krone musste er auf Geheiß von Kaiser Karl IV. zerstören“, sagt Katja Brandes.

LEXIKON

Das Wiener Dommuseum wurde im Oktober 2017 nach einer völligen Neuaufstellung wiedereröffnet. Das Leichentuch von Rudolf IV. sowie dessen Porträt, das als eines der ältesten Fürstenporträts der europäischen Kunstgeschichte gilt, sind als Leihgaben des Domkapitels zur Verfügung gestellt worden. Das Dommuseum selbst besteht seit 1933 (dem Jahr der Öffnung des Rudolf-Sarges). Die Forschungen zum Leichentuch wurden vom Wissenschaftsfonds FWF gefördert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2019)

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