„. . . und vergesst nicht, was ich euch erzählt habe“

Die Salzburger Wissenschaftlerin Jasmine Dum-Tragut stellt die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts über armenische Kriegsgefangene in österreichisch-ungarischen Lagern im Genozid-Museum in Jerewan aus.

Jasmine Dum-Tragut, Armenologin (Uni Salzburg)
Jasmine Dum-Tragut, Armenologin (Uni Salzburg)
Jasmine Dum-Tragut, Armenologin (Uni Salzburg) – Andreas Kolarik

Fernab der Heimat, in der Heimat – mit diesen Worten beginnt der armenische Soldat Aršak Manukyan aus dem Dorf Ltsen die Erzählung über sein Schicksal. Aufgenommen wurde sie 1915 im österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenenlager in Reichenberg vom österreichischen Anthropologen Rudolf Pöch. Der Wissenschaftler, der hauptsächlich physisch-anthropologische Untersuchungen an Häftlingen vornahm, wollte mit Tonaufnahmen zudem Daten und Sprachen möglichst vieler „fremder Völker“ festhalten. Die von ihm ausgewählten Sprecher trugen nicht nur „traditionelle“ Texte vor, wie sie für ethnologische Fragestellungen interessant waren, sondern auch freie Erzählungen, indirekte politische Reflexionen und Gedichte.

 

Spurensuche in den Dörfern

Lange Zeit waren die von verschiedenen Wissenschaftlern der Monarchie aufgenommenen rund 250 Phonogramme von Soldaten der russischen Armee in Vergessenheit geraten. Die historischen Tonspuren überdauerten in Archiven und wurden einhundert Jahre später wiederentdeckt. Und so kam es, dass die Aufnahme von Aršak Manukyan in die Hände der Armenologin Jasmine Dum-Tragut, Leiterin der Abteilung für Armenische Studien am Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens von der Uni Salzburg, gelangte. „Ich war von der Stimme fasziniert. Sie war Anstoß für ein mehrjähriges Forschungsprojekt, die Schicksale jener armenischen Kriegsgefangenen nachzuerzählen“, erinnert sie sich. Dieses Kapitel der Geschichte war bisher unerforscht. Gemeinsam mit Hranuš Xaratyan und Tigran Sargsyan von der Armenischen Akademie der Wissenschaften begab sich die Forscherin vier Jahre lang auf Spurensuche in österreichische, armenische und russische Archive, aber auch in unzählige Dörfer, um Berichte von Verwandten und Kindern der Soldaten zu erhalten.

Die Ergebnisse brachte Dum-Tragut jetzt auch nach Armenien. Vergangene Woche wurde die von ihr kuratierte Ausstellung „Fernab der Heimat, in der Heimat“ über das Leben von zwanzig Soldaten im Genozid-Museum in Jerewan eröffnet. Die dreisprachige Schau zeigt u. a. Archivmaterial aus 13 verschiedenenen Museen und Archiven aus Österreich, Armenien und Russland, um die Geschichte und die Schicksale der Kriegsgefangenen umfassend darzustellen. Darüber hinaus wurde ein umfangreicher, ebenfalls dreisprachiger Katalog mit über 200 Bildern und Dokumenten erstellt. „Wenn vom Ersten Weltkrieg die Rede ist, denkt in Armenien jeder an den furchtbaren Genozid, den Jungtürken im Jahr 1915 im damaligen Osmanischen Reich an bis zu 1,5 Millionen Armeniern verübt haben. Das Ziel der Ausstellung ist es, auch die Geschichte jener Armenier ins Bewusstsein zu rufen, die im Ersten Weltkrieg in der russisch-zaristischen Armee an der Front gekämpft haben.“

Die in Gefangenschaft geratenen armenischen Soldaten mussten als Insassen der Kriegsgefangenenlager u. a. in Purgstall, Wieselburg oder Grödig bei Bauern, in Fabriken oder im Straßenbau arbeiten. Die zwischen 1915 und 1918 produzierten Tonaufnahmen entstanden für das Wiener Phonogrammarchiv der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Für einige Kriegsgefangene hatte der Inhalt der vorgetragenen Texte eine persönliche Bedeutung. Der Armenier Artasches Kamuljanz formuliert seine Gedanken in folgenden selbst gedichteten Zeilen so: „Euer Sohn brennt ohne Feuer! Tag und Nacht weint er und hat keine fröhliche Minute. Also flieget, Schwalben, nach dem Kaukasus. Sagt den Eltern, dass ihr uns gesehen habt und dass nichts schrecklicher ist, als die Leiden der Soldaten, und vergesst nicht, was ich euch erzählt habe.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2019)

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