Lass uns Verstecken spielen – mit Ratten

Biologen haben Ratten zum Versteckspiel animiert und dabei Erstaunliches erlebt.

Die meisten von uns mögen sie gar nicht. Dabei wollen sie nur spielen!
Die meisten von uns mögen sie gar nicht. Dabei wollen sie nur spielen!
Die meisten von uns mögen sie gar nicht. Dabei wollen sie nur spielen! – APA/DPA

Wo bist du? Ich kann dich nicht finden! In allen Kulturen und Ecken der Welt spielen Kinder Verstecken, und oft genug haben auch Eltern und erwachsene Verwandte ihren Spaß dabei. Nun stellt die Wissenschaft einen Tipp bereit: Falls gerade keine Kinder zur Hand sind – es geht auch mit jungen Ratten. Ein Team von Biologen und Neurologen der Humboldt-Universität in Berlin animierte zehn Versuchstiere dazu, und nach nur ein bis zwei Wochen hatten die Probanden sämtliche Tricks drauf.

Besonders erstaunlich: Fast alle Nager konnten problemlos zwischen der Versteck- und der Suchrolle wechseln. Das mussten sich Mensch und Tier freilich vorher ausmachen. Also, zum Nachbauen: Ist die Ratte mit Suchen dran, setzt sie der Mensch in eine „Startbox“ und schließt deren Deckel. Dann versteckt er sich in einem rund 30m² großen Raum, der mit möglichen Verstecken reich gespickt ist, und öffnet die Box per Fernbedienung. Ist er selbst mit Suchen dran, hockt er sich einfach mit eingezogenem Kopf neben die Startbox – das genügt als Einsatzzeichen.

Spielen um des Spieles willen

De große Frage für die Forscher: Warum spielen die Ratten mit? Sie wurden jedenfalls nicht im üblichen Sinne durch ein Futterversprechen darauf dressiert. Nach dem Finden gab es als Belohnung nur Kitzeln, Kraulen und spielerisches Raufen – lauter Dinge, von denen man schon vorher wusste, dass die Tiere es gerne tun. Sind sie also darauf aus? Offenbar nein. Alles spricht dafür, dass sie vielmehr so wie Kinder das Versteckspiel rein um seiner selbst spielen. Der große Eifer, die Ultraschall-Jauchzer beim Herumhuschen und ausgelassene Freudensprünge deuten klar darauf hin, dass sie einfach Spaß am Spiel haben.

Die Strategien zeigen, dass sie nicht so schnell gefunden werden wollen: Sie verstecken sich in geschlossenen Schachteln, nicht in durchsichtigen (suchen aber in beiden). Sie verhalten sich in ihrem Versteck mucksmäuschenstill (das Wort kommt wohl nicht von ungefähr). Und wenn sie gefunden werden, laufen sie oft davon und verstecken sich gleich wieder neu. Sie wollen also das Spiel verlängern, es ist für sie Belohnung genug. Nach 20 Runden sind sie dann müde und verlieren die Lust. Anders als bei den üblichen Experimenten, wo man sie für irgendeine spaßbefreite Tätigkeit mit Futter belohnt: Dort machen sie über hunderte Runden bis zur völligen Erschöpfung weiter, wofür der Überlebenstrieb sorgt. Aber sie bekunden dann keine Freude durch Piepsen.  

Evolutionär angelegt?

Beim Spiel füllen sie ihre Rollen erstaunlich schlau aus. Als Sucher lassen sie zuerst den Blick schweifen und flitzen dann hektisch durch den Raum, um möglichst schnell viele potentielle Verstecke abzuchecken. Suchen sie selbst einen passenden Unterschlupf, lassen sie sich Zeit und bewegen sich viel langsamer. Von einer Runde zur nächsten wechseln sie ihr Versteck; ist aber der menschliche Mitspieler so doof, mehrmals hintereinander am gleichen Ort Zuflucht zu suchen, suchen sie zuerst dort und finden ihn entsprechend schnell.

Die steile Lernkurve gibt den Forschern zu denken. „Wir fragen uns tatsächlich, ob die Versteckspielfähigkeiten zumindest teilweise angeboren und damit evolutionär alt sind“, sagt Studien-Koautor Michael Brecht zur „Presse“. Der Beweis dafür wäre, dass sie auch untereinander spielen: „Wir haben den Eindruck, dass die Tiere das tun, aber müssen das noch weiter untersuchen.“       

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