Forschung: Unterschiede zwischen Hund und Wolf

Im Wolf Science Center in Ernstbrunn, dessen neue Anlage im Oktober eröffnet wird, werden die Unterschiede zwischen Hund und Wolf erforscht. Was man bisher bemerkt: Wölfe verstehen mehr von Physik.

Forschung Unterschiede zwischen Hund
Forschung Unterschiede zwischen Hund
Friederike Range – (c) Clemens Fabry

Anklagend, durchdringend und sehr laut: Das Heulen, das plötzlich auf der anderen Seite der Mauer losbricht, lässt einen zusammenfahren, als hätte jemand zur Unzeit eine Sirene angeworfen. Friederike Range geht jedoch gelassen weiter: „Das ist bloß seinetwegen“, sagt sie und zeigt auf Nanuk, der ruhig an der Leine trottet, „sie wollen wahrscheinlich Kontakt mit ihm halten.“ Oder aber sie sind bloß etwas neidisch. „Denn“, sagt Range, „spazieren gehen ist für alle das Highlight des Tages.“

Was das betrifft, unterscheiden sich Nanuk, der Timberwolf, und sein Rudel also nicht wesentlich vom Nachbarhund. Ob es noch andere Gemeinsamkeiten oder Unterschiede gibt, wird derzeit im niederösterreichischen Ernstbrunn erforscht. Im Vorjahr übersiedelte das 2008 gegründete Wolf Science Center (WSC) von Oberösterreich hierher. Zunächst in ein Übergangsquartier, doch in den nächsten Wochen zieht man in die neue Bleibe im Wildpark, die der Forschungsstation einen standesgemäßen Rahmen geben wird.

Immerhin findet hier eine Weltpremiere statt. Erstmals wird in langfristiger Forschung untersucht, welche Fähigkeiten und Verhaltensmuster des Hundes der Genetik, also dem Wolf, geschuldet sind, und welche der Domestikation. Bisher gibt es dazu kaum Material, weil die geistigen Fähigkeiten sowohl der Wölfe als auch der Hunde kaum erforscht sind. Im Fall der Wölfe, weil dies in freier Wildbahn mühsam und gefährlich ist. Im Fall der Hunde, weil diese – da domestiziert – lange als „uninteressant“ für die Forschung galten. Inzwischen ist es genau umgekehrt: Weil Hunde sich wie Kleinkinder in der menschlichen Welt zurechtfinden müssen, ist die Frage, wie ihnen das gelingt, auch interessant für die menschliche Evolution – und die Hundeforschung deshalb „im Trend“. Auch Range ist durch den Hund (wieder) auf den Wolf gekommen. Bevor sie half, das Wolf Science Center aufzubauen, hatte sie an der Uni Wien das Clever Dog Lab, das sich mit der Intelligenz von Hunden befasst, gegründet.

Komische Geste. Um Hunde und Wölfe vergleichen zu können, müssen in Ernstbrunn beide dieselben Erfahrungen machen. Von Anfang an. Deshalb werden die Testhunde (derzeit vier Welpen aus dem Tierheim) und die Wölfe gleich gehalten und behandelt. Und sie machen dieselben Tests. Etwa diesen: Einer der geschulten Hunden der Forscher zeigt einer Gruppe von Wölfen und einer Gruppe von Hunden wie man eine Box mit Futter öffnet. Die eine Hälfte der Tiere sieht, wie man den Mechanismus mit der Schnauze, die andere, wie man ihn mit der Pfote bedient. Danach dürfen sie es selbst probieren. Die Forscher prüfen, wie schnell Wölfe und Hunde sind und ob sie die gezeigte Methode benutzen. „Natürlich“, sagt Range, „ist die Stichprobe noch viel zu klein.“ Doch das Ergebnis ist sehr klar: Die Wölfe bekommen die Box innerhalb von 30 Sekunden auf, die Hunde – gar nicht.

Das scheint die alte These zu bestätigen, wonach Hunde (physikalische) Kausalzusammenhänge schlechter verstehen als ihre Vorfahren. Sind Hunde also – wie es früher hieß – „verblödet“, weil sie den Überlebensdruck der Wölfe, die allein zurechtkommen müssen, nicht mehr kennen? „Das kann man so nicht sagen“, meint Range, „man könnte ja genauso gut argumentieren, dass der Hund sogar den größeren Selektionsdruck hat, weil er sich im komplexen Sozialleben der Menschen zurechtfinden muss.“ So zeigt ein anderes Kistenexperiment der Uni Budapest (jedoch mit normal aufgezogenen Haushunden), was Hunde machen, wenn sie eine verschlossene Box mit Futter nicht öffnen können. Sie wenden sich an die Tester und schauen sie mit großen Augen an. Blöd?

Dafür können Hunde etwas, was nicht einmal Schimpansen beherrschen: Sie verstehen die Zeigegestik des Menschen. Schaut ein Mensch den Hund an und zeigt dabei in die Richtung, in die sich der Hund bewegen soll, kapiert der das. Der Wolf hingegen versteht den Befehl nur, wenn der Mensch in die Richtung blickt, in die er zeigt. Warum? Weil im Tierreich mit den Augen kommuniziert wird. Zeigen ist Tieren hingegen fremd – „es ist eine komische Geste“, sagt Range. Insofern könne man daher „nur dann sagen, dass Hunde die menschliche Kommunikation besser als Wölfe verstehen, wenn wir die menschliche Kommunikation auf das Zeigen reduzieren“. Alles andere könne ein Wolf nämlich genauso gut lernen – etwa auch, im Gesicht der Menschen zu lesen. Denn ob der Mensch zornig oder fröhlich ist, weiß der Hund auch nur, weil er es anhand der Konsequenzen gelernt hat, glaubt Range.

Keine gute Mischung. Untereinander kommunizieren Wölfe sogar intensiver als Hunde. Ein Wolf gibt viel mehr Anzeichen als ein Hund, bevor er aggressiv wird. Was ökonomisch ist, denn, so Range: „Wenn die sich in die Wolle kriegen, wird das gröber.“ Und wer verletzt ist, kann nicht jagen. Kann man daraus folgern, dass Wölfe besser überlegen als Hunde, bevor sie beißen? „Das ist zumindest eine Hypothese.“ Apropos aggressiv: Vorfälle gab es im WSC bisher „nicht einmal im Ansatz“, sagt Range. Trotzdem ist man vorsichtig. Von Beginn an werden die Wölfe trainiert, nicht hochzuspringen, das Futter vorsichtig zu nehmen, nie geht man allein ins Gehege.

Die Zusammenarbeit mit dem Menschen beruht nicht auf Gehorsam oder Rangordnung (aus der hält man sich heraus), sondern auf Kooperation. Sprich: Der Wolf „arbeitet“ nur, wenn es ihn freut – und nur für Futter. Während ein Hund auch für Liebe und für Streicheln Pfote gibt oder Sitz und Platz macht, freut sich der Wolf zwar über Streicheleinheiten – vor allem die fünf Monate alten Welpen Wapi und Kenai drücken sich dafür ans Gehegegitter – „doch fürs Streicheln arbeiten, das machen sie dann doch nicht“, sagt Range. „Wenn ein Wolf dreimal Pfote gibt und er bekommt nichts dafür, geht er.“

Gerade diese Unabhängigkeit imponiert allerdings vielen Menschen. In den USA, aber auch in den Deutschland finden manche es daher aufregend, Wölfe in Hundezüchtungen einzukreuzen. Je mehr (angebliches) „Wolfsblut“, desto begehrter ist das Tier. Abgesehen davon, dass die Hybriden dazu tendieren – wie sogar die Züchter eingestehen – die Wohnungseinrichtung zu zerlegen, hält Range die Mischungen auch für anderweitig riskant: „Da hat man auf der einen Seite den Hund, der keine Angst vorm Menschen hat und auf der anderen Seite ein Wildtier, das sehr stark und unberechenbar, aber ängstlich ist. In der Mischung verliert das Tier dann zwar die Angst, bleibt aber unsicher. Man hat dann einen angstaggressiven Hund, der größer und stärker ist als andere. Ich glaube, das ist nicht die beste Idee.“ Die meisten Hybriden, die Range kennt, hat sie im Tierheim gesehen, „wo sie in kleinen Käfigen hockten“. Und das finden dann nicht nur die Wölfe zum Heulen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2010)

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