Soziologe: "Leben in lebenslangem Alarmdilemma"

Gerhard Schulze vermisst in den derzeitigen Debatten - ob über den Klimawandel oder die Finanzkrise - die Selbstreflexion und Skepsis der Beteiligten. Zudem fordert er eine Einmischung der Geisteswissenschaftler.

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Die Presse: Soeben ist Ihr Buch „Krisen. Das Alarmdilemma“ erschienen – was war der Anstoß dafür?

Gerhard Schulze: Mir ist aufgefallen, dass ich einerseits in einer Welt lebe, in der ich sehr gut lebe, und dass andererseits in dieser Welt ständig vom Weltuntergang die Rede ist. Egal, was jetzt richtig ist, es fragt sich: Wie wird hier diskutiert, wie gut ist dieser Diskurs? Eine Frage, die voraussetzt, dass man weiß, was einen guten von einem schlechten Diskurs unterscheidet.

 

Und was ist denn schlecht am heutigen Diskurs?

Die einen bezeichnen Klimaskeptiker als Klimaleugner, auf der anderen Seite ist von Klimahysterie die Rede, auch da wird stark zurückgekeilt. Emotionen haben die Oberhand gewonnen, Argumente sind nur noch von der Suche nach Sieg, nicht nach Wahrheit bestimmt. Mir fehlt ein Reden über den Diskurs, ein offenes Eingehen auf die Ambivalenz der Fakten. Das Ausblenden von Alternativerklärungen ist unser Diskursproblem. Zur Wahrheit gehört fast immer auch die Einsicht, dass man sie nicht sicher hat, die Skepsis. Das wurde im Krisendiskurs vergessen.

 

Offenbar herrscht ein Bedürfnis nach großen, einfachen Erzählungen, und es konzentriert sich unter anderem auf die Klimafrage...

Ja, aber das ist nur eine Seite. Einfache Erzählungen sind verführerisch, weil wir nicht wollen, dass Dinge gleichzeitig positive und negative Seiten haben, und wir wollen auch keine Ungewissheit. Andererseits haben wir uns in immer größere Komplexitäten hineinbewegt, sind also nicht bloß Vereinfacher, sondern auch bedürftig, uns an die Wahrheit anzunähern, so einfach wie möglich, aber so komplex wie nötig. Ich beobachte, dass viele Menschen zunehmend frustriert sind von Vereinfachungen, ein Krisendiskurs muss das berücksichtigen. Für allzu schlichte Wahrheiten sind die Menschen inzwischen zu intelligent und gebildet.

 

Wer etwas als Krise wahrnimmt, hat auch eine Vorstellung davon, was normal ist. Haben wir uns vielleicht zu sehr an die Sicherheit gewöhnt, sodass wir jede Veränderung als Bedrohung wahrnehmen?

Bei manchen utopisch denkenden Gegenwartsdeutern kann man eine Wiederkehr von Rousseau'schen Idealen beobachten: Sie sehnen sich zurück zu einem zyklischen Gleichmaß aller Dinge. Diese Idee ist inspiriert von der Selbstwahrnehmung des menschlichen Körpers: Wenn wir kein Fieber haben, keinen Hunger, keinen Durst, ist alles in Ordnung. Wenn der Körper uns ein Signal gibt, befriedigen wir das Bedürfnis, und das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Viele, die jetzt an die Öffentlichkeit treten, wollen die ganze Welt in einen Riesenkörper verwandeln, der sich in einem solchen Fließgleichgewicht befindet. Das ist aber eine Fehlwahrnehmung der Moderne. Seit dem 18. Jahrhundert ist Veränderung normal geworden, und das können wir auch nicht abstellen.

 

Wie soll man also damit umgehen?

In den weiterentwickelten Gesellschaften, zu denen sich auch die Schwellenländer entwickeln, ist das Leben sicherer geworden. Und wir haben bewiesen, dass wir mit Risiken sehr gut fertig werden. Was sich geändert hat, ist die Risikoprophylaxe und die Risikosensibilität. Aber was immer man tut, es ist riskant. Wir leben nun einmal in einem lebenslangen Alarmdilemma. Wir sollten es als Dilemma anerkennen und weder notorisch die Beschwichtigung noch das Warnen praktizieren. Vor der Finanzkrise gab es haufenweise Hinweise, aber die Zunft hat sich wechselseitig versichert, dass alles in Ordnung ist. Genauso falsch ist es zu sagen, wir dürfen gar nichts mehr riskieren. Viele propagieren jetzt den Abschied vom Wachstum, als ob wir unsere Knöpfe wieder aus Olivenkernen schnitzen könnten.

 

Ist die fehlende Selbstreflexion im Krisendiskurs nicht auch ein Versagen der Geisteswissenschaften, die eigentlich darauf spezialisiert wären?

Sicher. Ich habe einmal in einem Aufsatz dafür plädiert, dass Erkenntnistheorie zum Primarfach gemacht wird. Die Spaltung in eine Instanz der Selbstbeobachtung und einen Akteur ist uns in die Wiege gelegt, sonst hätte der Mensch nie Werkzeuge erfinden können. Das schwierigste Gebiet für das Praktizieren dieser Sichtweise ist das eigene Denken und Argumentieren. Darauf kommt es heute mehr denn je an. Ich sehe die Geisteswissenschaftler vom selben Mangel an Draufschauen auf sich selbst befallen. Sie müssen wieder die Schwelle der Selbstbezüglichkeit überschreiten, nicht ständig die eigenen Aprioris bestätigen, sich fragen: Bringt das, was ich tue, der Gesellschaft etwas? Oder tue ich genau das, was ich eigentlich durchbrechen wollte?

Zur Person

Gerhard Schulze (geb. 1944) ist Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung und Wissenschaftstheorie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. In den 1990er-Jahren prägte er den Begriff der Erlebnisgesellschaft. Bücher: „Die Erlebnisgesellschaft“ (1992), „Die beste aller Welten“ (2003), „Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde“ (2006), „Krisen. Das Alarmdilemma“ (2011). [Uni Bamberg]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2011)

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