Hume: Der gute David und seine böse Botschaft

Kein Gott, ein entweihtes Wissen, Moral als Instinkt. Der Vater der modernen Philosophie blickte in den Abgrund des Denkens und blieb schwindelfrei. Das provoziert noch heute, 300 Jahre nach seiner Geburt.

(c) Frei

Die Steirer sind die hässlichsten Menschen der Welt.“ Das konstatierte ein britischer Gesandter, der Mitte des 18.Jahrhunderts in Knittelfeld Station machte. „Unzivilisiert, deformiert und grässlich“ seien die Bergbewohner mit ihren „hässlich geschwollenen Kehlen“. „Debile und Taube tummeln sich in jedem Dorf, und das allgemeine Erscheinungsbild der Leute ist das schockierendste, das ich je gesehen habe.“

Aus dem empirischen Befund wurde rasch eine These abgeleitet: Vermutlich hätten hier die Barbaren auf ihrem Marsch nach Rom „den Abfall ihrer Armeen“ zurückgelassen. Erst in Südtirol stellte der Schotte eine „wunderbare“ Veränderung fest: Ganz im Gegensatz zu den Steirern seien die Südtiroler „bemerkenswert hübsch“: „Ein Hauch von Menschlichkeit, Esprit, Gesundheit und Wohlstand zeigt sich in jedem Gesicht.“

 

Empirie und Hypothesen

Der diese befremdlichen Betrachtungen anstellte, gilt heute als Vater der modernen Philosophie. Ein Zeichen dafür, wie weltfremd Philosophen sind? Mitnichten. David Hume, der heute vor 300 Jahren geboren wurde, war ein scharfer Beobachter. Seine Reisebriefe sind eine valide Quelle für Historiker. Die Kröpfe, die Kranken: Symptome der Armut und der schlechten medizinischen Versorgung, die es dank eines „Hauchs von Wohlstands“ in Südtirol nicht mehr gab. Sicher, der „Abfall der Armeen“ ist Unsinn – aber der Irrtum lässt sich widerlegen, er weicht einer plausibleren Hypothese und ist damit vom Tisch. Was eben noch „wunderbar“ wirkte, findet seine Erklärung. Ganz anders als die Spekulationen über Gott, den Ursprung des Seins und die unsterbliche Seele: Sie gelangen an kein Ziel.

Hume sagte den Metaphysikern, seinen weltfremden Berufskollegen, offener und radikaler als jeder andere den Kampf an. Er glaubte nur an das, was seine Sinne bezeugten. Die Methode der Naturwissenschaften wollte er zum Dogma der Philosophie erheben und so der Natur des Menschen und der Moral auf die Spur kommen.

So wurde der radikale Aufklärer zu einem großen Entzauberer des Denkens. Auf die Grundfragen der Philosophie, die Kant später formulierte, gab er schon ernüchternde Antworten: Was können wir wissen? Im strengen Sinne nichts. Worauf dürfen wir hoffen? Auf nichts – weil es keine guten Gründe gibt, an einen gütigen Gott und eine unsterbliche Seele zu glauben. Was sollen wir tun? Eine unsinnige Frage, weil wir nur tun können, wozu uns Charakter und Instinkt determinieren. Was ist der Mensch? Nicht mehr als ein hochintelligentes, empathisch veranlagtes Tier.

Das kränkt und verstört bis heute. Dabei war es ein Befreiungsschlag. Nicht nur im calvinistischen Schottland, wo Abweichler noch als Ketzer verbrannt wurden, löste Humes Skeptizismus eine über tausendjährige Denkblockade auf – das Ergebnis von Aberglaube und religiösen Drohbotschaften.

Ihre Heimat fand Humes Botschaft auf den Universitäten, dort liebt man sein Andocken an die Naturwissenschaften und seine einleuchtenden Formulierungen. Einer Disziplin, die notorisch arm an sicheren Lehren ist, hat Hume skeptische Einsichten hinterlassen, die über jeden Zweifel erhaben sind.

Da ist das „Hume'sche Gesetz“ in der Ethik: Dass aus einem „Sein“, also Feststellungen über die Realität, kein „Sollen“, keine moralischen Handlungsanweisungen abgeleitet werden können. Das Argument gegen den Wunderglauben: Er wäre nur gerechtfertigt, wenn ein falsches Zeugnis der Zeugen die Naturgesetzlichkeit stärker verletzen würde als das Wunder selbst – und das war, bei den tausenden Wundern der Religionsgeschichte noch nie der Fall.

 

Die Natur entwickelt sich aus sich selbst

Die Widerlegung des teleologischen Gottesbeweises, der heute als These vom „Intelligent Design“ wieder Fuß fassen will: Die Natur funktioniert nicht mechanisch wie ein Uhrwerk, sondern entwickelt sich nach ihren eigenen Gesetzen – womit sie keiner Schöpfung durch einen obersten Ingenieur bedarf. „Was für eine großartige Idee“, meinte dazu der Aufklärer Erasmus Darwin – der Großvater von Charles.

Dabei gab Hume gerade den Naturwissenschaften seine härteste Nuss zu knacken: das Induktionsproblem. Wir schließen aus Beobachtungen der Vergangenheit auf die Zukunft. Aber dieser Schluss ist logisch nicht korrekt. Denn wie oft auch immer wir die Sonne aufgehen sehen haben: Um daraus zu schließen, dass sie auch morgen aufgehen wird, braucht es eine weitere Prämisse über die Gleichförmigkeit der Natur. Und beim Versuch, diese Gleichförmigkeit zu begründen, landen wir in einem Zirkelschluss.

Mit dieser Entdeckung geriet Hume in die Hölle des Skeptizismus. Wie lässt sich beweisen, dass eine von unserem Bewusstsein unabhängige Außenwelt existiert? Noch schlimmer: Wie lässt sich aus einem Bündel aus Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken auf die Identität eines Ichs schließen?

Für diese Annahmen, die jeder Mensch trifft, fand er genauso wenig gute Gründe wie für den Glauben an Gott. Der Schuss ging nach hinten los, weil die radikale Skepsis eine zu explosive Munition ist. Hume gestand sein Scheitern im „Treatise on Human Nature“ ein. Heute gilt die „Abhandlung“ als wichtigstes philosophisches Werk in englischer Sprache. Aber damals wollte niemand von den Zweifeln eines jungen Mannes ohne positive Botschaft lesen. Doch Hume zog sich aus der Affäre. Praktisch, indem er begann, das Leben gesellig zu genießen und seine Grübeleien in Schach zu halten. Gedanklich, indem er unbegründete, aber lebensnotwendige Glaubensinhalte zuließ. Sie sind nicht logisch, sondern psychologisch. Es sind lebenspraktische Instinkte, wie sie auch andere Tiere haben.

Wir haben wie Hume gelernt, mit solchen Einsichten zu leben. Und wir leben gut damit: Die Entmachtung der Religion bewahrt uns vor Fanatismus, die Skepsis in den Wissenschaften vor Intoleranz. Ein Teil der Lehre Humes aber stößt viele noch vor den Kopf: seine Moralphilosophie.

 

Ethik wird unbegründbar

Für den Empiristen entspringt auch unsere Begrifflichkeit von Gut und Böse einem natürlichen Instinkt. Eine angeborene Sympathie, ein Einfühlungsvermögen, sorgt für das Überleben der Gattung. Damit aber wird Ethik dem vernünftigen Diskurs entzogen. Sie wird zur Erforschung von Trieben, die selbst nicht gut oder böse sind. Viele haben das „moralische Gefühl“ und fühlen sich besser, wenn sie ihm folgen. Nero, Hitler und Stalin hatten es nicht, und man kann es ihnen nicht vorwerfen. Morgen kennt es vielleicht keiner mehr, weil sich unsere Gene geändert haben. Das war's dann mit der Moral.

Diese trostlose Theorie ist nicht zwingend. Phänomene wie Gewissen und Scham sprechen dagegen. Aber Hume musste so denken, weil er die Willensfreiheit ablehnte. Seine Lösung der „Begriffsverwirrung“: Freiheit heißt, frei von Zwängen, gemäß unserer Determinierung handeln zu können. Damit aber verfehlt er das Thema: Wir meinen nicht Handlungsfreiheit, wenn wir von Willensfreiheit sprechen. Sie mag eine Illusion sein – aber gerade diese Illusion gälte es zu klären.

 

Kant dachte weiter

Weitergedacht hat hier Kant, der von Hume aus seinem „dogmatischen Schlummer“ gerissen wurde und dessen „Kritik der reinen Vernunft“ schon im ersten Satz als Replik auf den Vordenker angelegt ist. Er verteidigte die Freiheit aus gutem Grund. Denn nur sie bewahrt die Würde des Menschen als autonomes Wesen. Nur aus dem Bild des Menschen als „Zweck an sich“ lässt sich eine humanistische Ethik entwickeln. Und nur sie wäre den Launen einer Natur entzogen, die ihre Moral selbst gebärt und zerstört.

Ob dieser Rettungsversuch vor den Wissenschaften standhält, ist fraglicher denn je. Sie haben Vorrang vor Spekulationen, das hat uns Hume ein für allemal eingebläut. Dass man die dabei erlittenen Kränkungen ertragen kann, ohne das Denken aufzugeben, lebte er exemplarisch vor.

In seinen reifen Jahren wurde Hume so liebenswürdig und gelassen, dass seine Freunde, von Diderot bis Adam Smith, ihn den „guten David“ nannten. Als dieser Herold der Aufklärung mit 65 Jahren an Krebs starb, verließ er die Welt mit größter Seelenruhe, ohne die Segnungen der Religion – die letzte Provokation für den Klerus. Ein Heiliger ohne Gott? Ob Ironie oder höhere Weisheit: Die Adresse des Hauses in Edinburgh, in dem Hume lebte und heute sein 300. Geburtstag gefeiert wird, lautet Saint David Street 21.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)

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