Wittgensteinpreis: Tief in die See, tief in die Gene

Der höchste heimische Wissenschaftspreis geht an den Meeresbiologen Gerhard Herndl und an den Molekularbiologen Jan-Michael Peters. Beide forschen in Wien.

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

Wir wissen über die Tiefsee wesentlich weniger als über die Oberfläche des Monds“, bedauerte Meeresbiologe Gerhard Herndl (Uni Wien) am Dienstag, als er die „unglaubliche Überraschung“ feiern durfte: Er ist einer der Träger des höchsten Forschungspreises Österreichs, des mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgensteinpreises. Mit diesem Geld will er Licht in die Tiefsee bringen und der „bei uns stiefmütterlich behandelten Meeresbiologie größere Resonanz verleihen“. Meeresbiologie in Österreich? Das Land hatte einmal Küsten, und auch als sie verloren waren, hielt sich die Forschung in Wien zwar in kleinem Rahmen, aber auf hohem Niveau.

Dort studierte Herndl, dort sorgte er dafür, dass Lehrbücher umgeschrieben werden mussten, er fand eine neue Erklärung für die Algenblüten bzw. den Meeresschnee an der Adria. Dann ging er in die Niederlande und weiter und tiefer in die Meere, von denen 80 Prozent Tiefsee sind, in der unbekanntes Leben wimmelt: „In den Meeren gibt es 1029 bis 1030 Bakterien“, berichtet Herndl, „75 Prozent davon leben in der Tiefsee.“ Dort bestimmen sie über das Leben der Erde mit, beeinflussen die großen Kreisläufe, etwa den des Kohlenstoffs, von dem erstaunlicherweise unten mehr verbraucht wird, als von oben mit abgestorbenem Leben herabkommt.

An diesem Problem arbeitet Herndl nun als Leiter des Instituts in Wien, es zeigt zugleich seine Denkweise: Die Katastrophen in Küstengewässern – Ölhavarien, Fukushima – sind für ihn „nicht das Problem der Ozeane“, ihm geht es um das ganze Meer und die lange Frist und die großen Änderungen, etwa die des Klimas.

 

Schwerpunkt I: Biologie

Mit dieser Tiefe repräsentiert der scheinbare Exot die „trotz der Probleme an den Universitäten bewundernswerte Forschungslandschaft“, deren „Spitzen“ Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle bei der Bekanntgabe der Preisträger „mit Stolz“ vorstellte. Einen Schwerpunkt bildet die Biologie, das zeigt sich auch am zweiten Wittgenstein-Preisträger, dem Molekularbiologen Jan-Michael Peters (Wiener Grundlagenforschungsinstitut IMP): Er beschäftigt sich mit einem der heikelsten Momente des Lebens, mit dem der Zellteilung. Dabei muss die gesamte DNA – sie ist in jeder Zelle 1,6 Meter lang und auf 46 Chromosomen verteilt – höchst geordnet verdoppelt und dann getrennt werden, schiefgehen darf nichts: Erhält eine Tochterzelle zu wenige oder zu viele oder falsche Chromosomen, drohen Tumore und Erbleiden, das bekannteste ist das „Down-Syndrom“, bei dem das Chromosom 21 in drei statt zwei Kopien vorliegt.

„Seit 15 Jahren beschäftigen wir uns damit, wie Chromosomen symmetrisch geteilt werden“, berichtet Peters, der viel zur Entschlüsselung der molekularen Mechanismen beigetragen hat. Das tun auf dem Feld der Biologie bzw. Medizin auch zwei Forscher, die mit Preisen für wissenschaftlichen Nachwuchs – START, bis zu 1,2 Millionen Euro – ausgezeichnet wurden: Alwin Köhler (Med-Uni Wien) und Michael Sixt (IST Austria).

 

Schwerpunkt II: Theorie

Den zweiten Schwerpunkt der heimischen Forschung zeigen fünf weitere START-Preisträger: Es geht um Theorie, so hohe Theorie, dass FWF-Chef Christoph Kratky bei der Präsentation bedauern musste, dass „unsereiner es nicht versteht“: Geehrt wurden drei Quantenphysiker (Sebastian Diehl, Uni Innsbruck, Peter Rabl, ÖAW Innsbruck, Philipp Walther, Uni Wien), ein Mathematiker (Peter Balacs, ÖAW) und eine Logikerin, die über „nichtklassische Beweise“ arbeitet (Agata Ciabattoni, TU Wien). Auch der Achte im START-Bund, Thomas Müller, kommt von einer „harten“ Wissenschaft, vom Institut für Festkörperelektronik der TU Wien: Er forscht über Photonik, die auf der Kohlenstoff-Modifikation Graphen basiert. Dass die Geisteswissenschaften dieses Jahr leer ausgingen, ist für Kratky „ein Zufall“.

Preisträger

START-Preise erhalten: Peter Balazs (Schallforschung, ÖAW), Agata Ciabattoni (Computersprachen, TU Wien), Sebastian Diehl (Theoretische Physik, Uni Innsbruck), Alwin Köhler (Biochemie, Med-Uni Wien), Thomas Müller (Photonik, TU Wien), Peter Rabl (ÖAW Innsbruck), Michael Sixt (IST Austria), Philipp Walther (Quantenoptik, Uni Wien).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2011)

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