Biotechnik: Kein Menschenhirn in Affenköpfe!

Die „Frankenstein-Furcht“ kommt nicht zu kurz: Eine britische Kommission schlägt nun Regeln für die Produktion von Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier – vor und will etwa „Kafkas Tiere“ verboten sehen.

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(c) EPA (Barbara Walton)

In den Mythen verbreiteten Chimären – Mischwesen aus Mensch und Tier oder aus mehreren Tieren – meist Angst und Schrecken, das war bei der Sphinx nicht anders als bei den Harpyien. Aber ausgerechnet bei der Urchimäre zeigt sich ein mehrdeutiges Bild: Die feuerspeiende Chimaira hatte drei Köpfe, den eines Löwen, den einer Ziege und den einer Schlange, der war hinten am Schwanz, das Monster war rundum wehrhaft. Getötet wurde es schließlich von oben mithilfe des geflügelten Pferdes Pegasus: einer Chimäre.

 

Maus mit Downsyndrom

Das sind alte Mären, aber sie kehren wieder, der Mensch hat die Sache in die Hand genommen – und baut selbst Chimären. Sie heißen nur meistens nicht so, sondern „Tiermodelle“: Man transferiert Gene und/oder Gewebe des Menschen in Tiere, vor allem Mäuse, um an ihnen Krankheiten zu studieren oder Medikamente zu testen, eine Maus trägt etwa das gesamte Chromosom, welches das Downsyndrom bringt; man hat Ziegen und Schafe mit menschlichen Genen ausgestattet, auf dass sie in der Milch therapeutisch nutzbare menschliche Proteine produzierten; man fusioniert in Stammzell-Experimenten Eizellen von Kühen mit dem Genom des Menschen.
All das geschieht in bester Absicht, diese Chimären gehören in die Abteilung „Pegasus“. Dazu sollte natürlich auch eine zählen, die Irving Weissman (Stanford) im Jahr 2000 im Gedankenexperiment entwarf, die „Maus mit dem Menschengehirn“: Sie sollte nicht nur einzelne menschliche Neuronen erhalten, sondern ein Gehirn nur aus menschlichen Zellen. Weissman erhielt auch die Zustimmung der Ethikkommission von Stanford, die das Experiment im Auge behalten und dann abbrechen wollte, „wenn wir Zeichen menschlicher Hirnstrukturen sehen oder wenn die Mäuse menschenähnliches Verhalten zeigen“. Das Experiment wurde bis heute nicht durchgeführt, zumindest hat man nichts davon gehört.
Aber der Antrag zeigte, dass es – außer der Ethikkommission – keine Regelungen gab, manche Forscher forderten diese, weil sie fürchteten, dass Weissmans Kreatur „menschenähnliche kognitive Fähigkeiten entwickelt, die für ihren (der Kreatur) moralischen Status relevant sind“. Solche Vorstöße kamen periodisch, nun ist es wieder so weit, eine Kommission in England – dort ist die Biotechnik besonders weit und die Experimentierfreudigkeit besonders hoch – hat den Chimären einen passenden Namen gegeben – ACHM, „animals containing human material“ – und Regeln empfohlen: Demnach soll die übergroße Mehrheit der Chimären – Mäuse mit eingebauten menschlichen Tumoren etwa, an denen Krebsmittel getestet werden – nur den allgemeinen Regeln aller Tierversuche unterliegen; eine „begrenzte Zahl“ soll im Einzelfall genehmigungspflichtig werden. Das gilt für alle Chimären auf der Basis von Mäusen, die im Gehirn oder im Körper „menschenähnlich“ werden könnten, etwa in der „Gesichtsform, der Hauttextur oder der Sprache“. Das sind keine Hirngespinste, man hat Mäusen schon unser „Sprachgen“ eingebaut – sie fiepsten dann anders –, man will Tieren das Fell nehmen und sie mit Haut ausstatten, um deren Leiden zu studieren; man denkt an eine Veränderung der Pfoten, etwa den Einbau eines Fingers, der funktioniert wie der Daumen.

 

Frankenstein-Furcht

All das könnte durchgehen, tabu hingegen soll dreierlei bleiben: der Einbau von menschlichen Keimzellen (Eizellen, Sperma) in Tiere; der Bau von Embryos aus Mensch und überwiegend Tier (der mit überwiegend Mensch ist in Großbritannien für Zwecke der Stammzellforschung erlaubt); und der Horror des Horrors – „Kafkas Tiere“, Gregor Samsa, der sich im Körper eines Käfers wiederfindet, und der Affe, der einen „Bericht für eine Akademie“ abliefert. Ihnen widmet die Kommission ein eigenes Kapitel, auch die „Frankenstein-Furcht“ kommt nicht zu kurz: Deshalb dürfen nicht so viele menschliche Hirnzellen in ein Affenhirn, dass es sich so modifizieren könnte, dass es „menschenähnliches Verhalten“ zeigen würde (acmedsci.ac.uk).

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