Urgroßmutter „Juramaia“

In China wurde das älteste Fossil eines Säugetiers gefunden. Das spitzmausartige Wesen lebte vor 160 Mio. Jahren. Der spitzmausartige Zwerg wog 15 Gramm und war zehn Zentimeter lang.

(c) Mark Klingler

Als vor 65 Millionen Jahren die alten Herren der Erde gingen, die Dinosaurier, übernahmen andere das Regiment und besetzten die frei gewordenen Nischen, die Säugetiere. Aber sie waren keine Neulinge der Evolution, sie standen lange schon bereit, in drei Varianten, die darin übereinkommen, dass sie ihre Jungen mit Milch ernähren: Die einen, zu denen die Schnabeltiere gehören, legen Eier und lassen die geschlüpfte Brut an der Bauchhaut saugen; die anderen haben spezielle Milchdrüsen und tragen die Jungen entweder kurz aus, dann kriechen die in den Beutel wie bei den Kängurus; oder sie tragen sie lange und nähren sie im Uterus, das sind die Plazentatiere. Der Mensch gehört dazu und fand für sich und seinesgleichen den stolzen Namen „Eutheria“: echte Tiere.

Aber seit wann gibt es die Echten? Seit mindestens 160 Millionen Jahren, das zeigt ein Fund aus China, den Zhe-Xi Luo (Pittsburgh) bearbeitet und Juramaia sinensis, genannt hat: „Maia“ heißt Mutter, Jura ist das Erdzeitalter, in dem mit ihr alles anfing. Klein: Der spitzmausartige Zwerg wog 15 Gramm und war zehn Zentimeter lang. Aber er ist so gut erhalten, dass man aus Knochen und Zähnen auf die Lebensweise schließen kann: Die Urgroßmutter konnte klettern – etwa im Farn –, und sie ernährte sich von Insekten, das tat sie wohl nachts, am Tag war es gefährlich, die Saurier waren unterwegs.

 

Saurier hielten Säuger klein

Die hatten dafür gesorgt, dass die ersten Säuger alle klein waren: Ihre Ahnen – Reptilien: Cynodontier –, beherrschten das Erdzeitalter des Perm, manche von ihnen überlebten auch das Massensterben an dessen Ende, vor 251 Millionen Jahren. Aber im anschließenden Trias kam Konkurrenz – Saurier –, sie setzte sich durch, die Cynodontier und später die Säugetiere mussten sich klein machen und in die Nische der Nacht ausweichen, auch in deren Kälte, Juramaia hatte schon ein Fell. Und sie war vermutlich nicht die Erste – Fossilien von Säugetieren sind extrem rar –, aber sie stiftet Frieden in der Biologie: Die Paläontologen gingen bei der Datierung des ersten Säugers vom bisher ältesten Fund aus, dieses Tier lebte vor 125 Millionen Jahren. Aber die Molekularbiologen, die die Geburt der Säugetiere aus den Genen heute lebender Säuger errechnen, kamen auf 160, der Fund bestätigt das.

Juramaia selbst hat allerdings keine direkten Erben hinterlassen, auch andere frühe Säuger taten das nicht, sie endeten in Sackgassen der Evolution. Die direkten Ahnen der heutigen Säugetiere – die, die dann in den von den Dinosauriern geräumten Nischen groß wurden oder auch klein blieben wie die Spitzmäuse – kamen erst viel später. Wann? Darüber herrscht noch Krieg: Paläontologen setzen auf 65 Millionen Jahre, Genetiker auf 75.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2011)

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