Haare: Warum wir nackt sind, aber nicht ganz

Das Ablegen des Fellkleids diente der Kühlung in der Hitze Afrikas, aber es kam erst lange, nachdem sich die Menschen zum aufrechten Gang erhoben haben. Und: Abgelegt wurde nur das Fell, haarig sind wir geblieben.

Warum haben sich unsere Ahnen auf zwei Beine erhoben, und warum haben sie ihr dichtes Fell abgelegt? Für den aufrechten Gang gibt es Dutzende Hypothesen, von Darwins Vermutung, er habe die Hände befreit, über den Verdacht, die frühen Menschen hätten sich viel im flachen Wasser aufgehalten, bis hin zur jüngsten Spekulation, in aufrechter Position lasse sich härter zuschlagen. Und eine dieser Hypothesen erklärt die Haarlosigkeit gleich mit, Peter Wheeler (Liverpool) hat sie in den 80er-Jahren ersonnen: Es gehe um Thermoregulation vor dem Hintergrund einer sich wandelnden Umwelt in Ostafrika, der Wiege der Menschheit. Demnach wichen Wälder Savannen, unsere Ahnen mussten von den Bäumen herab und in ungedecktes Gelände, auf das die Sonne brannte, 40 Grad am Tag.

Da lag es nahe, der Strahlung weniger Fläche zu bieten – ein aufrechter Körper tut das – und zur Kühlung zugleich den Wind zu nutzen. Der führt Wärme ab, aber natürlich nur dann, wenn kein isolierendes Fell mehr da ist und die Haut stattdessen mit Schweißdrüsen ausgestattet wird.

Wheelers Hypothese hat viel für sich, aber eine große Schwäche: Sie bezieht sich auf aufrecht stehende Körper. Aber gestanden wird niemand lange sein, schon gar nicht in der prallen Sonne, auch in der Savanne kann man sich in den Schatten von Bäumen retten. Deshalb hat Graeme Ruxton (Glasgow) neu kalkuliert, realitätsnäher: für aufrecht gehende bzw. laufende Menschen, so haben sich die ersten Aufrechten vermutlich über weite Distanzen fortbewegt. Dabei kamen sie natürlich in die Sonne, aber die war nicht das zentrale Wärmeproblem. Das kam vielmehr vom Laufen selbst, der Körper überhitzt sich rasch, Graeme rechnet alles durch, für Australopithecus.

 

Laufen bringt Überhitzungsgefahr

Bei diesen Ahnen – die Urmutter „Lucy“ gehörte dazu – hatten die Frauen 30 Kilo Gewicht und 0,52 Meter lange Beine, damit kamen sie 1,2 Meter pro Sekunde voran und produzierten mit den Muskeln 209 Watt Wärme. Wären ihre 1,07 Quadratmeter Haut behaart gewesen, hätten 107 Watt durch Schwitzen abgegeben werden können; bei nackter Haut wären es 473 Watt gewesen, genug, um die 209 produzierten abzuführen.

Aber: Als die Menschen sich erhoben, fiel das Fell nicht auf einen Schlag ab, es lichtete sich langsam, über viele Generationen. Die ersten Aufrechten hätten 209 Watt erzeugt und nur 107 abgeführt, eine arg kontraproduktive Bilanz: Von der Thermoregulation kommt er nicht, der aufrechte Gang.

Aber wo immer er her kam, als er da war, wurde das Ablegen des Fells sinnvoll. Ansonst hätte in den brütenden 40 Grad schon nach zehn bis 20 Minuten ein Hitzschlag gedroht. Dem entgingen die Menschen vermutlich dadurch, dass sie zunächst nur am Morgen und Abend den Schatten verließen. Dann wurden sie, Haar für Haar, ihren Pelz los und nutzten damit den Vorteil, den ein aufrechter Gang gegenüber einem auf allen Vieren bietet: Der Körper ist weiter vom Erdboden weg und mehr Luft ausgesetzt – Schweiß verdunstet leichter. So erschlossen sie allmählich den ganzen Tag in der Hitze (Pnas, 12.12.).

Wann geschah das alles? Der aufrechte Gang kam vor etwa vier Millionen Jahren – mit Australopithecus, der manchmal durch das Gras trottete und sich dann wieder auf Bäume zurückzog –, das weiß man aus Fossilien. Aber von Haaren gibt es keine. Den Zeitpunkt ihres Schwindens kann man nur indirekt abschätzen, an den Plagegeistern der Haut, Läusen und anderen Ektoparasiten. Die stellten sich vor etwa drei Millionen Jahren auf unsere Ahnen ein, ihre Gene zeigen es. Zwar vermutet eine Hypothese, der Mensch sei ihretwegen nackt geworden, aber sie plagen ihn ja immer noch.

Und: Wir haben nur das dichte Fellkleid abgelegt, nicht die Haare, in unserer Haut wurzeln so viele wie in der der Affen. Es ist nur viel kürzer und dünner, was da sprießt (außer auf dem Kopf und an der Scham).

 

Haare detektieren Parasiten wie Wanzen

Damit dreht sich die Frage um: Warum haben wir die Haare nicht abgelegt? Just wegen der Ektoparasiten, antwortet Michael Siva-Jothy (Sheffield), der ein Experiment durchgeführt hat, das nur mit unerschrockenen Freiwilligen möglich war, 29 fanden sich unter den Studenten seiner Universität. Ihnen wurde ein Arm glatt geschoren, der andere behielt seine Haare. Dann wurde auf beiden ein fünf Mal zehn Zentimeter großes Areal mit Filzstift begrenzt, und mit Vaseline. Schließlich wurden die Testpersonen gebeten, beiseite zu schauen: Siva-Jothy setzte in eines der Areale eine Bettwanze, das ist ein auf Menschen spezialisierter Blutsauger.

Wenn die Testpersonen – sie hatten ihr Einverständnis gegeben, sich möglicherweise beißen zu lassen – etwas bemerkten, drückten sie auf einen Knopf, die Wanze wurde entfernt. Gebissen wurde niemand. Aber die Gefahr war bei geschorener Haut größer: Die ganz normale Behaarung machte der Wanze die Suche nach einem Beißplatz schwerer, sie machte aber vor allem die Detektion leichter. Haare sind nicht nur zum Wärmen da, sie melden Bewegungen. Deshalb haben wir sie noch (Biology Letters, 13.12.).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2011)

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