Testosteron schreibt Männlichkeit früh ins Gesicht

In den Fingern zeigt sich ein Leben lang, wie die hormonelle Umwelt im Uterus war. Die bestimmt Körperform und Verhalten mit. Hinter den Zusammenhängen sind auch Anthropologen der Uni Wien her.

Testosteron schreibt Maennlichkeit frueh
Testosteron schreibt Maennlichkeit frueh
(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)

Ob einer ein richtiger Mann ist, risikofreudig, durchsetzungsfähig, das sieht man nicht nur in seinem Gesicht. Sondern auch an seinen Fingern: Im Durchschnitt ist bei Männern der Zeigefinger (digit two: D2) kürzer als der Ringfinger (digit four: D4) - die 2D:4D-Ratio ist also klein -, bei den Frauen ist es umgekehrt. Und auch innerhalb der Männer zeigt sich der kleine Unterschied: Je kleiner die 2D:4D-Ratio, desto männlicher ist der Mann im Gesicht, es ist „robust", unten breiter, in der Stirn kleiner. Wer so aussieht, zeigt es auch im Verhalten, Kampfsportler haben eine sehr kleine 2D:4D-Ratio, auch an der Börse findet sie sich, sie bringt Erfolg im extrem riskanten „Hochfrequenzhandel".

All das hat einen frühen hormonellen Hintergrund: Testosteron. Das ist ein Sexualhormon, das Embryos im Uterus körperlich in Richtung Mann steuert und auch ihr Gehirn anders aufbaut. Ein Nebeneffekt ist die kleine 2D:4D-Ratio, man nutzt sie als Archiv der pränatalen Hormonumwelt. Später dünnt sich das Testosteron aus, einen neuen Höhepunkt erreichen seine Konzentrationen in dem Wachstumsschub, der Männer endgültig zu Männern macht, in der Pubertät. Auch später zirkuliert das Hormon im Blut, es prägt - als Verstärker des frühen Einflusses im Uterus - das Sozialverhalten, ist der große Gegenspieler des „Vertrauenshormons" Oxytokin: Testosteron schwächt die Bereitschaft zur Zusammenarbeit, auch die zu Sozialkontakt generell, man vermutet einen Zusammenhang mit Autismus, Männer leiden viel häufiger daran.

All das hat in den letzten Jahren breites Interesse auf sich gezogen, über 60 Forschungsarbeiten zur 2D:4D-Ratio erscheinen im Jahr. Aber es gibt noch zu tun: Die bisherigen Befunde bezogen sich auf Erwachsene. Nun hat sich eine Gruppe um Katrin Schäfer (Anthropologie, Uni Wien) erstmals Heranwachsende vorgenommen, Burschen im Alter zwischen vier und elf (Proc. Roy. Soc. B, 14. 2.). Zeigt sich bei ihnen schon die 2D:4D-Ratio im Gesicht oder kommt die erst in der Pubertät? „15 Prozent der Formvarianz, die wir in diesen Kindergesichtern finden, sind mit der 2D:4D-Ratio zu erklären", berichtet die Forscherin der „Presse", „das ist viel."
Was ist der evolutionäre Hintergrund?
Und es öffnet Fragen: Wo kommt es her, was ist der evolutionäre Hintergrund? „Es gibt die Hypothese, dass unter Primaten dominantere Mütter mehr Söhne haben, und dass das durch Testosteron gesteuert wird." Das hätte natürlich Auswirkungen nicht nur auf das zahlenmäßige Geschlechterverhältnis, sondern auch auf das Verhalten, das der Burschen mit ihren jeweiligen Gesichtern wie das derer, die die Gesichter wahrnehmen. Welche? Folgestudien sollen es klären.

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