Massenmord mit „Medikamenten“

Ein Drittel aller Medikamente in Entwicklungsländern ist gefälscht. Das liegt auch daran, dass das Fälschen keine Straftat ist. Der Europarat will das ändern. „Wir nennen das Totschlag“, urteilten Ärzte.

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Er war ein Routinefall, jener 23-jährige Bauer, der irgendwo in Burma ein Hospital aufsuchte, weil er leichte Malaria hatte. Die Ärzte behandelten ihn mit dem wirksamsten Medikament, Artesunat, sie hatten damit schon viele Patienten geheilt. Aber dieser eine war drei Tage später tot.

Die Ärzte schöpften Verdacht und schickten die übrigen Pillen an britische Kollegen mit einem besseren Labor. Dort zeigte sich, dass das Medikament kaum Artesunat enthielt, aber dafür das Schmerzmittel Paracetamol: Das senkt auch Fieber, ist billiger und täuscht Patienten und Ärzte kurz über den wirklichen Zustand des Kranken.

„Wir nennen das Totschlag“, urteilten die britischen Ärzte in einem Fachjournal, „andere mögen es Mord nennen.“ Der grassiert immer breiter: In den frühen 90er-Jahren tauchten in Ostasien erstmals gefälschte Malaria-Mittel auf, zunächst wurde einfach irgendetwas in Pillenform gepresst – Mehl etwa – und in eine Verpackung gesteckt, die der des Originals ähnelte. Deren Hersteller reagierten mit Hologrammen auf den Packungen – so wie man Geldscheine sichert –, und Forscher reagierten mit einfachen Schnelltests eines „Medikaments“ darauf, ob es Artesunat enthält. Die Fälscher reagierten mit Hightech (sie imitierten die Hologramme, fast perfekt) und mit bösen Tricks: Sie mischten gerade so viel Artesunat in ihre Pillen, dass diese den Schnelltest bestanden.

 

100.000 Tote allein in China

Das bringt eine unbekannte Zahl von Opfern, allein China schätzt im eigenen Land 100.000 pro Jahr, und einen geschätzten Umsatz von 75 Milliarden Dollar weltweit im Jahr. Mit Scheinmedikamenten lässt sich viel Geld machen – man weiß es spätestens seit dem „Dritten Mann“ – und am meisten Geld lässt sich in den Armenhäusern machen. Zwar kursieren auch bei den Reichen Fälschungen, in den USA fiel gerade ein gefälschtes Krebsmedikament auf (Avastin). Aber es fiel eben auf, in solchen Ländern werden Medikamente getestet.

In Asien und Afrika kaum: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO ist in Entwicklungsländern über ein Drittel aller Medikamente gefälscht, bei Malaria bis zur Hälfte. Gegen all das kämpfen seit Jahre Ärzte an, wenige, aber nun unternehmen sie mit politischer Unterstützung einen neuen Anlauf: Eines der Probleme liegt darin, dass die Fälschung von Medikamenten – so wie etwa auch die von Uhren – nicht als kriminelle Tat verfolgt wird, sondern als Verletzung von Patenten etc.

„Für einen Kriminellen, der Geld machen will, ist es weniger gefährlich, mit gefälschten Medikamenten zu handeln als mit illegalen Drogen“, erklärt Susanne Keitel vom Europäischen Direktorat für die Qualität von Arzneimitteln in Straßburg. Diese Behörde gehört zum Europarat, und der hat im Oktober seine Mitglieder aufgefordert, eine Konvention zu unterzeichnen („Medicrime“), die Medikamentenfälschen zur Straftat macht, 15 Länder haben bisher unterzeichnet, in den USA ist ein ähnliches Gesetz auf dem Weg.

Zudem kommt Hilfe von Pharmafirmen, die kein Interesse an der Fälschung ihrer Medikamente haben: Merck etwa hat ein Minilabor entwickelt und 500 Exemplare in 80 Ländern verteilt. Das wird den Schaden lindern, aber nicht das Kernproblem lösen: Echte Medikamente sind teuer, und eine effektive Medizininfrastruktur können sich viele Länder nicht leisten.

Auf einen Blick

Gefälscht wurden Medikamente zunächst primitiv, man presste irgendetwas zu Pillen, etwa Mehl, und steckte es in Verpackungen, die denen des Originals ähnlich sahen. Die Hersteller des Originals sicherten daraufhin ihre Packungen mit Hologrammen (links), die Fälscher zogen nach und imitierten auch das (rechts). Zudem füllen sie gerade so viel echten Wirkstoff in ihre Ware, dass diese bei Schnelltests nicht auffällt. [Paul Newton/PLoS Medizin]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2012)

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