Als der Urwald noch ein Garten war: Amazonien war früher fruchtbarer

Vor der Invasion der Europäer wurde in den heutigen Regenwäldern und Savannen hoch entwickelte Landwirtschaft betrieben. Sie nährte viele.

(c) AP (RICARDO OLIVEIRA-INTERFOTO)

Amazonien war einmal ein Garten, der mit hoch entwickelter Technik bestellt wurde und dicht gedrängte Populationen nährte. Aber dann kamen die Europäer. Die ersten sahen die Menschenmassen noch, einer beschrieb sie sogar, der Konquistador Francisco de Orellana, der als Erster den noch namenlosen Amazonas auf seinen gesamten 6000 Kilometern erkundete: An den Ufern tauchten immer wieder bewaffnete Indigene auf, zu Tausenden, sie hatten lange Haare. Der Spanier hielt sie deshalb für Frauen und benannte den Fluss danach.

Das war 1542, 50 Jahre nach Kolumbus. Und da waren die Reihen der Indigenen schon so ausgedünnt – durch Flucht und eingeschleppte Seuchen vor allem –, dass de Orellana schon unter seinen Zeitgenossen keinen Glauben fand. Und bald nahm sich die Natur das einst von Menschen kultivierte Land zurück – und verwandelte es in eine Ödnis mit trügerischem Anblick: Amazonien sieht nur so üppig aus, in Wahrheit ist es eine „grüne Wüste“ mit kargen Böden, die nichts abwerfen, sondern die Nährstoffe in engem Umlauf halten: Bevor eine neue Pflanze sprießen kann, muss eine alte verrotten. Und wenn die Winde nicht düngenden Staub aus Afrika brächten, würde bald überhaupt nichts mehr gedeihen.

 

Ein Netz künstlicher Inseln und Kanäle

So zeigt sich die ganze Region heute, sowohl in den flussnahen Regenwäldern als auch in den Savannen, die Fauna bildet es ab, es gibt kaum größere Tiere, und auch Menschen lassen sich dort nur spärlich nieder. Aus der Ferne sieht das alles aus wie der paradiesische Ursprung, von dem wir alle zehren, diese „Lunge der Erde“, hieß es, müsste jedenfalls in diesem Zustand erhalten bleiben beziehungsweise werden. Aber vor etwa 40 Jahren bekam dieses Idyll erste Risse, allerorten zeigte sich, dass vor der heutigen „Naturlandschaft“ eine vom Menschen kultivierte da war: Am Oberlauf des Amazonas, in seinem unwirtlichen Einzugsgebiet in Bolivien, das das halbe Jahr über unter Wasser steht, wurden Spuren früher Urbarmachung entdeckt. Die damaligen Bewohner hatten ein Netz von künstlichen Inseln und Kanälen errichtet, in dem sie Aquakultur und Hortikultur betrieben.

Am anderen Ende des Flusses fanden sich „Geoglyphen“, prähistorische Strukturen unterschiedlicher Form – Kreise, Rechtecke – 100 bis 300 Meter im Durchmesser, umgeben von Wällen und tiefen Gräben. Dass man sie überhaupt sehen konnte, kam daher, dass in der Region erste Flächen für Rinderfarmen entwaldet wurden. Gar so alt war dieser Wald nicht, er war nicht da, als die Geoglyphen angelegt wurden, im 13. Jahrhundert.

Die Funde waren hoch umstritten, mit ihnen begannen die „Amazon archaeology wars“, in denen ausgekämpft wurde, ob die ganze Region einst Natur war oder doch Kultur. Letztere Theorie bekam bald starke Unterstützung, die „Terra Preta do Indio“. Das ist eine von Menschen veredelte Erde – in sie wurden Holzkohle und Knochen eingearbeitet –, die in verschiedenen Regionen am Flussufer Oasen der Fruchtbarkeit bildete und geschätzte 50.000 oder sogar 200.000 Menschen in Regionen leben ließ, in denen heute gerade noch 500 genügend Nahrung zum Überleben finden.

Das war im heutigen Wald. Und in der heutigen Savanne war es nicht anders: Dort, im Nordosten, an der Küste von Französisch-Guayana, wird seit Menschengedenken eine Agrarform betrieben, die mehr schadet, als sie einbringt: Brandrodung. Lange ging man davon aus, dass das immer so war, aber das Archiv des Bodens bezeugt etwas anderes. Holzasche von Brandrodungen gibt es erst seit der Invasion der Europäer, zuvor wurde dort eine ganz andere Agrikultur betrieben: Man legte erhöhte Felder an, die auch bei den alljährlichen Überflutungen der Savanne trocken blieben.

 

Warnung vor dem Bambi-Syndrom

Doyle McKey (Montpellier) hat dies erkundet und sieht darin „neue Perspektiven für eine alternative Nutzung der Savanne, die auch helfen könnte, Kohlenstoff-Emissionen zu reduzieren“, ein wohlbewirtschafteter Boden und sein Bewuchs speichern mehr Kohlenstoff als ein immer wieder abgebrannter (Pnas, 9.4.). Provokativer formulierte es für ganz Amazonien früher schon Susanne Hecht (UC Los Angeles): Man möge sich hüten vor dem „Bambi-Syndrom“, demzufolge „jede Entwicklung in den Tropen unweigerlich zu Katastrophen führt. Hier haben Menschen über Jahrtausende Landwirtschaft betrieben. Wir müssen nur wieder lernen, es so gut zu tun, wie sie es taten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)

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