Ökonomie: Auf Sand gebaut

Die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften und der Glaube an Gleichgewichte führten bei der jüngsten Finanzkrise in die Irre, lautet die Diagnose des streitbaren Ökonomen Erich Streissler.

oekonomie Sand gebaut
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(c) Clemens FABRY

Die wesentlichste Konsequenz der Finanzkrise 2008 war in den Augen des Wiener Ökonomen Erich Streissler, dass die Akteure auf den Finanzmärkten ihr bisheriges Wissen als falsch begriffen und in das genaue Gegenteil umgeschwenkt haben: nämlich vom „Neoliberalismus“ zum Keynesianismus. Was ein schwerer Fehler gewesen sei. Denn die langfristigen Konsequenzen des Gedankengebäudes von John Maynard Keynes seien niemals vollständig analysiert worden, schreibt Streissler in dem eben erschienenen Sammelband „How to Forecast Economic Developments During and After Crises“ (128. S., 34 Euro, Verlag der ÖAW), den er gemeinsam mit Gunther Tichy herausgegeben hat.

Keynes analysierte nur kurzfristige Effekte – von ihm stammt der Satz: „In the long run we are all dead“ („Langfristig sind wir alle tot“). Es sei komplett vergessen worden, dass „deficit spending“ – Kredite aufnehmen, um die Wirtschaft anzukurbeln – zu einer Zinssteigerung der Staatsschulden führe, die langfristig zur Last werde und einen Aufschwung verhindere.

Das Theoriegebäude Keynes' sei auch aus vielen anderen Gründen unpassend für die heutige Welt, erläutert der streitbare Ökonom: So behandelt es ausschließlich eine „geschlossene“ Volkswirtschaft, also eine, in der es weder Importe noch Exporte und damit auch keine Außenhandels- oder Leistungsbilanzdefizite gebe; heute sind die meisten Staaten sehr offen.

Ein Grund dafür, dass die „Mainstream“-Ökonomie in der aktuellen Krise so hochkant gescheitert ist, ist Streisslers Analyse zufolge der Glaube an Gleichgewichte. Gerade in der Finanzwirtschaft gebe es aber zahlreiche Ungleichgewichte – ein Bankrott z.B. könne in einer Gleichgewichtsanalyse „einfach nicht vorkommen“.

Die aktuelle Ökonomie, so ist Streissler überzeugt, mache einen großen Fehler: Sie glaubt, eine exakte Wissenschaft zu sein, wenn sie alles in mathematische Formeln gieße. Die Ökonomen wollten immer präzisere Aussagen machen und generalisierten die Welt stark. Das Ergebnis seien widersprechende Theorien, unentdeckte mathematische Fehler, realitätsferne Annahmen und undefinierte Felder der Anwendung. Solche Fehler könnten aber nicht unmittelbar entdeckt werden, da – anders als in Naturwissenschaften – keine Tests konstruiert werden könnten und man warten muss, ob sich eine Vorhersage bewahrheitet. Streissler plädiert daher dafür, sich nicht auf Mathematik allein zu verlassen – diese sei „auf Sand gebaut“, also auf Unsicherheit, sagte er diese Woche beim Symposium „Finanzkrise und Staatsbankrott“, zu dem die Akademie der Wissenschaften (ÖAW) geladen hatte. Vielmehr solle man die Entwicklung in vergleichbaren historischen Situationen untersuchen. Nach seiner Zählung leben wir derzeit in der achten Krise seit den schweren Verwerfungen 1720 in Großbritannien. Diese Krisen ereigneten sich alle entweder nach einem Krieg oder nach einem Höhepunkt eines „Kondratieff“-Zyklus. Dieses Phänomen basiert auf Leitinnovationen, die für eine gewisse Zeit Wachstum bringen – etwa die Eisenbahn oder zuletzt der Computer. Die jetzige Krise ist in dieser Sichtweise die Konsequenz des IT-Booms in den 1990er-Jahren. Wegen der US-Wirtschaftspolitik sei der Crash im Vergleich zu historischen Beispielen um einige Jahre verzögert eingetreten – dafür fiel er aber umso heftiger aus.

Streissler erwartet aus der Erfahrung, dass das Wirtschaftswachstum in nächster Zeit sehr gedämpft bleibt – in Europa ein Prozent, in den USA „nahe null“. Damit der Überschuss an Sparkapital nicht durch Inflation oder Bankrotte verschwindet, rät er zu Investitionen in Umwelt, Alternativenergie und Klimaschutz. Diese arbeitsintensiven Bereiche werfen zwar nur wenig „Return“ ab. Aber eine andere Möglichkeit sieht Streissler nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)

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