EU-Wahlen: Nationale Sicht dominiert

Wolfgang Glass analysierte die Berichterstattung der Europawahlen 2009. Vor allem „Die Presse“ vermittelte eine europäische Perspektive, sonst regierten nationale Themen.

„Mich überraschte, dass ,Europa‘ nach 14 Jahren Mitgliedschaft noch immer kein Thema der Parteien und für die Zeitungen war“, sagt Wolfgang Glass. In seiner Dissertation (Uni Wien, Politikwissenschaft, Betreuer: Hannes Wimmer) analysierte er die Wahlkampfberichterstattung 2009 zum Europäischen Parlament, das einzige direkt von den Bürgern gewählte Organ der EU. Glass verglich alle Artikel von „Presse“, „Standard“, „Kurier“ und „Kronen Zeitung“. „Auch bei der Qualitätszeitung ,Standard‘ dominierte nicht eine europäische Perspektive in der Berichterstattung, sondern man orientierte sich an nationalen Themen rund um die EU-Wahl und sprang, wie die meisten Medien, auf vieles von HC Strache auf. Am besten gelang der ,Presse‘ die Berichterstattung aus einer europäischen Perspektive, was auch mit der eigenen EU-Seite zusammenhängen könnte, die es seit kurz vor dem Beitritt zur EU gibt.“

Die Schuld an der Nationalisierung des europäischen Wahlkampfes gibt Glass aber nicht nur den Zeitungen, sondern auch den Parteien: Sie nutzten die EU-Wahl wie eine nationale Wahl und brachten nur österreichspezifische Themen aufs Tapet.

Völlig aus der Wahlberichterstattung „ausgeklinkt“ habe sich 2009 die „Kronen Zeitung“, die ihren eigenen Wahlkampf für Hans-Peter Martin veranstaltet habe. „Ich habe auch analysiert, wie Organe der EU dargestellt werden, ob der Leser dadurch ,Brüssel‘ verstehen kann. Vor allem bei der ,Kronen Zeitung‘ scheint es, als sei man wenig an einer ausgewogenen Berichterstattung über die EU interessiert“, so Glass.

„Im heutigen Medienzeitalter, in dem Aufmerksamkeit eine knappe Ressource ist, brauchen wir Zeitungen als Navigatoren durch den Informationsdschungel, um über politische Geschehnisse fundiert informiert zu werden. Sie müssen komplexe Informationen zusammenfassen, damit die Bürger ihre Meinung bilden können.“ Trotzdem war das Interesse von Medien, Politik und Öffentlichkeit an den Europawahlen eher gering, ebenso die Wahlbeteiligung. Eine „europäische Öffentlichkeit“ konnte Glass – auch in der Nachwahlanalyse bis 2012 – in seiner Studie eher nicht entdecken, vielmehr dafür Teilöffentlichkeiten. Er war 2009 selbst in einem EU-Infobüro tätig und plädiert für mehr permanente Informationsaktionen, auch abseits elitärer Interessengruppen, um einen europäischen Diskurs zu fördern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2013)

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