Als Wiens Musik modern wurde

Der Historiker Robert Lackner fand in Hugo Botstiber eine von der Forschung vernachlässigte Zentralfigur des Wiener Musiklebens vor 100 Jahren.

Hugo Botstiber gehörte zu den treibenden Kräften im Wiener Musikleben zwischen 1900 und 1938. Doch Informationen über den als Sohn jüdischer Ungarn in Wien geborenen Mann sind rar. Deshalb stellte Robert Lackner ihn in den Mittelpunkt seiner Dissertation (Institut für Geschichte, Uni Graz, Betreuer: Siegfried Beer).

„Obwohl sich Wien als Musikhauptstadt inszenierte, gab es lange nur ein einziges Berufsorchester, die Philharmoniker“, sagt der Historiker. Botstiber war an der Gründung und später Etablierung des Wiener Konzertvereins, Vorläufer der Wiener Symphoniker, im Jahr 1900 maßgeblich beteiligt. 1913 übernahm er die Leitung der Wiener Konzerthausgesellschaft, die als zweiten großen Veranstaltungsort für Musik neben dem Musikverein das Wiener Konzerthaus errichten ließ. Für seine Verdienste um diesen Bau, der 1913 eröffnet wurde, erhielt Botstiber vom Kaiser persönlich einen Verdienstorden.

Bis zur Zwangspensionierung Anfang 1938 leitete der studierte Musikwissenschaftler und Jurist als Generalsekretär – heute Intendant genannt – die Geschicke dieses Hauses. Dabei erwies er sich auch als findiger Geschäftsmann: „Zum Beispiel organisierte er zahlreiche Veranstaltungen zum Andenken an die großen österreichischen ,Ton-Heroen'“, erzählt Lackner. „Die waren patriotisch motiviert und sollten dem kleinen Land Legitimation und Selbstbewusstsein verleihen.“

Botstiber erkannte früh die Bedeutung des Radios, mit dem er Kooperationen einging. Er vermietete die Säle für Bälle, Charity- oder politische Treffen, und – als die Wirtschaftskrise das Interesse an Musik erlahmen ließ – sogar Sportveranstaltungen. Ein Aufschrei der Empörung über Boxkämpfe im Konzerthaus hallte bis nach New York.


Förderer von Schönberg. „Sein größtes Verdienst ist aber zweifellos die Förderung der modernen Musik“, so Lackner. Von Anfang an bot Botstiber umstrittenen, teils angefeindeten Komponisten wie Arnold Schönberg, Gustav Mahler, Anton Webern oder Alexander Zemlinsky eine Bühne für ihr Schaffen, „oft auch gegen die Wünsche des eigenen Aufsichtsrats“. Um positiv zu bilanzieren, lagerte er progressivere, erwartbar weniger gut besuchte Konzerte an das Konzertbüro der Gesellschaft oder private Veranstalter aus, die die Säle buchten. „Dass sich das Konzerthaus als die bedeutende Spielstätte moderner Musik etabliert hat, die es bis heute ist, verdankt es diesem Mann.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2014)

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